Ravi zu Indien - Hoffnungsträger

Mädchen haben besonders Not

Mädchen leiden
besondere Not

Ravi im Einsatz
Ravi Rao ist weltweit für die Kinder von Gefangenen im Einsatz

Die traditionelle indische Gesellschaft macht Kindern von Gefangenen und ihren Müttern das Leben besonders schwer. Das Urteil kommt aus berufenem Mund. Ravi Rao, leitender Mitarbeiter des Hoffnungsträger-Partners Prison Fellowship, ist selbst Inder und kennt die Schicksale dieser Familien. Die Stigmatisierung sei enorm und mache nicht einmal vor der Schultür halt. „Manche Leute warnen ihre Kinder eindringlich davor, sich mit Klassenkameraden abzugeben, deren Vater im Gefängnis sitzt. Die wiederum fühlen sich dadurch verletzt, ausgegrenzt und auf subtile Weise mit verurteilt.“

Schlimm ist die Situation nach Raos Worten auch für die Mütter. „Die meisten haben jung geheiratet und sind ohne Berufsausbildung. Nun müssen sie mit ihren Kindern ums Überleben kämpfen, weil der Versorger fehlt. Manche Frauen entwickeln deshalb einen regelrechten Hass auf ihre Männer. Andere leugnen schlichtweg, dass ihr Mann hinter Gittern sitzt und erfinden immer neue Ausreden, warum er gerade nicht da ist. Ihre Kinder halten sie an, ebenfalls zu lügen.“ Diese Umstände führen in der Konsequenz häufig dazu, dass Familien zerbrechen. „Viele betroffene Frauen schämen sich so sehr, dass sie selbst ihren nahen Verwandten nicht mehr in die Augen schauen können und wegziehen. Sie und ihre Kinder werden zu Nomaden und fallen am Ende oft komplett aus der Gesellschaft heraus, weil sie nirgendwo Geborgenheit finden.“

Für zahlreiche Mädchen zerplatzt der Traum auf eine eigene Familie bereits als Teenager, wie Rao erzählt. Obwohl Ehen vom Gesetz her erst mit 18 Jahren erlaubt sind, werden Mädchen auf dem Land nach wie vor früher verheiratet. „Der überwiegende Teil der Hochzeiten wird arrangiert. Dabei suchen die Eltern des Jungen die Braut aus. Das Mädchen eines Strafgefangenen kommt für die meisten nicht als Schwiegertochter in Frage. Das hat mehrere Gründe: Der Ruf der Familie ist schlecht, der Vater kann bei der Hochzeit nicht dabei sein und womöglich auch die übliche Mitgift nicht aufbringen.“

Manche Mädchen verzweifeln an der düsteren Aussicht. Als Beispiel nennt Rao das Schicksal einer 13-Jährigen, die sich im vergangenen Jahr das Leben nahm. In ihrem Abschiedsbrief brachte sie ihre Hoffnungslosigkeit zum Ausdruck, später einmal einen Mann zu finden, der sie liebt. Solche Fälle sind zwar zum Glück Ausnahmen. Sie zeigen jedoch, wie wichtig besonders die emotionale Unterstützung dieser Kinder ist.

Die einzige Chance dieser Mädchen, die Hürden niederzureißen, liegt in einer guten Ausbildung. „Wenn sie die Schule besuchen, studieren oder einen Beruf erlernen, macht das den Makel ihrer Herkunft meist wett“, sagt Rao. Er kenne Familien, die sich die Hand vom Munde absparen, um die Töchter in die Schule zu schicken. „Vor kurzem habe ich einige von ihnen in Bangalore besucht. Die Frauen haben mir stolz berichtet, wie gut ihre Mädchen in der Schule sind.“

Hoffnungsträger Patenkind engagiert sich deshalb besonders für die Bildung der Mädchen, die im Programm sind. Sie sollen die Chance auf einen guten Schulabschluss bekommen, damit sie die Fesseln der traditionellen indischen Gesellschaft abstreifen können.

Axel Jeroma