Eine neue Heimat gefunden - Hoffnungsträger

Eine neue Heimat gefunden

Er ist noch nicht volljährig, als er Afghanistan verlässt, um nach Deutschland zu fliehen. Zweieinhalb Monate dauert seine Flucht. Als er in Deutschland ankommt, entdeckt er für sich den christlichen Glauben. Obwohl seine Familie mit ihm bricht und dies sein Todesurteil in Afghanistan bedeuten würde. Die Geschichte eines Afghanen, der heute mit seinem neuen Glauben im integrativen Wohnkonzept Hoffnungshaus in Deutschland lebt.

Er hat eine schmale Statur und große dunkle Augen. Farhad* (19 Jahre), dessen echten Namen wir aus Sicherheitsgründen nicht nennen, ist froh, mit dem Hoffnungshaus endlich einen Ort gefunden zu haben, an dem er seinen Glauben frei zum Ausdruck bringen darf. Aber es ist nicht nur der Glaube, sondern ein komplett neues Leben, das er hier lebt. Ein Leben, das ihm in Afghanistan nicht möglich gewesen wäre – das aber auch große Opfer verlangt.

In Afghanistan war Farhads Leben ganz anders. Er hatte seine Familie um sich, ist zur Schule gegangen, hat nachmittags mit einem Freund in einem Handyladen gejobbt. Dann ist etwas vorgefallen – was, das möchte er nicht verraten. Aber es hat Farhad dazu bewogen, alles hinter sich zu lassen und eine Odyssee anzutreten Richtung Deutschland. „Es sind ja ganz viele Leute nach Deutschland gegangen“, erzählt Farhad. Die Hoffnung war: ein neues Leben anfangen. Obwohl seine Familie dagegen war, ist er gegangen.

Die Reise ging erst in den Iran, dann über die Türkei und schließlich nach Griechenland. Dort ging es erstmal nicht weiter. In einem Camp hörte er zum ersten Mal vom christlichen Glauben. Es war ein Schlüsselmoment in seinem Leben. „Jeder, der in dieses Camp kam, blieb zwei, drei Tage und durfte dann weitergehen. Nur ich nicht. Ich war zwölf Tage lang dort und jeden Tag habe ich Leute kommen und gehen sehen“, schildert Farhad.

Endlich fühlt sich Farhad* angekommen, er kann seinen Glauben im Hoffnungshaus leben.

Der Schlüsselmoment

Die Polizei wollte ihn nicht nach Europa einreisen lassen, weil sie sich nicht sicher waren, ob er die richtigen Ausweispapiere mit sich führte. So musste er ausharren. Zum Frühstück gab es Brot, mittags und abends Suppe. Er hatte kein Geld dabei. Auch wenn Farhads Familie in Afghanistan es anbot, sie konnten ihm keines schicken. Also betete er fünfmal am Tag, wie es im Koran steht. Als gläubiger Muslim baute er auf seinen Gott.

Dann begegnete Farhad einem jungen Iraner. Diesem erzählte er von seiner Situation und seinem Leid. Der junge Mann aus dem Iran bot Farhad an, für ihn zu beten. Allerdings zu Jesus. „Ich habe nicht geglaubt, dass das etwas bringt. Ich habe ihm gesagt, dass ich kein Christ bin“, erinnert er sich. Doch der Iraner blieb beharrlich. Sie setzten sich gemeinsam hin und der junge Mann betete eine halbe Stunde lang für Farhad – zu Jesus.

„Fünfmal Beten hat mir nichts gebracht und dann – Jesus hat mich schon beim ersten Gebet erhört!“

Dann sagte der Iraner: Geh noch mal zum Polizisten und versuche es. Farhad war verunsichert, er hatte es erst vor ein paar Stunden versucht. Dennoch tat er, wie ihm aufgetragen wurde. Und wie durch ein Wunder: Der Polizist ließ ihn gehen. Es gab keine Zeit, seine Sachen zu holen, sich umzudrehen oder sich zu bedanken – Farhad zog weiter. „Fünfmal Beten hat mir nichts gebracht und dann – Jesus hat mich schon beim ersten Gebet erhört!“ Farhad staunt bis heute.

Neue Wege die Herausfordern

Kaum überschreitet Farhad die Grenze zu Deutschland, stehen seine Prioritäten fest: „Als ich den ersten Tag in München war, wollte ich Jesus kennenlernen!“ Natürlich konnte er zu dem Zeitpunkt noch kein Deutsch, sondern brauchte eine Bibel in seiner Sprache, auf Dari. Die anderen Muslime, die mit ihm in der Münchener Flüchtlingsunterkunft waren, irritierte das.

Fünfmal am Tag hat Farhad (Name geändert) als Muslim gebetet.

In Afghanistan, wo die Christenverfolgung besonders ausgeprägt ist, kommt eine Bekehrung zum Christentum einem Todesurteil gleich. Wer dies tut, verrät nach Meinung der Afghanen Land und Gemeinschaft. In anderen Worten: Eine Besinnung zu einem anderen Glauben ist für Farhad nach wie vor lebensbedrohlich. Trotzdem konnte er sich dieser Entscheidung laut eigener Aussage nicht entziehen: „Ich habe mir viele Gedanken gemacht, was im Koran steht und in der Bibel. Für mich ist es der richtige Weg, den ich gefunden habe.“ Auch wenn er persönliche Erfüllung durch den Glauben erfahren hat, so bedeutete es auch einen Bruch mit seiner Familie.

Die Familie geht den Weg nicht mit

„Am Anfang habe ich es meiner Familie nicht gesagt. Erst nach einem Jahr in Deutschland habe ich den Mut gefunden und zu meiner Mutter gesagt: ‚Mama, ich bin jetzt Christ.’ Sie konnte es nicht glauben.“ Es folgten viele schmerzhafte Telefonate. „Ich wollte es meiner Familie erklären: Ich habe zu Jesus gebetet, dass ich jetzt hier bin. Aber das wollte sie nicht hören. Meine Familie ist strenggläubig und das ist richtig schlimm für sie. Sie sagten, ich solle keinen Kontakt mehr zu ihnen haben, sonst hätten sie auch Probleme.“ Das war das letzte Mal, dass sie miteinander sprachen. Dieses Gespräch liegt nun über ein Jahr zurück.

„Ich sollte keinen Kontakt mehr zu ihnen haben, sonst hätten sie auch Probleme. Mein Vater sagte, er wolle mich umbringen.“

Farhads Blick trübt sich. Die Situation ist sehr schwer für ihn, weil er seine Familie sehr liebt. Er hat noch versucht, mit ihnen Kontakt zu halten, aber über Facebook und WhatsApp blockiert man ihn. Sein Vater hat sogar gedroht, ihn umzubringen. „Ich kann nicht ohne Jesus. Das ist die Wahrheit, die ich gefunden habe. Bei der Wahl Familie oder Glaube – mein Glaube ist mir wichtiger, auch wenn es sehr weh tut.“

Sein Glaube wird nicht akzeptiert

Gleichzeitig gab es auch in Deutschland keinen richtigen Halt für Farhad. Er wurde von Gemeinschaftsunterkunft zu Gemeinschaftsunterkunft geschoben. Da sein aufenthaltsrechtlicher Status lange Zeit ungeklärt war, stand ihm rechtlich auch kein Sprachunterricht und keine Möglichkeit einer Ausbildung zu. In den Heimen hatte er Probleme mit den eigenen Landsleuten: „Ich war sonntags in der Kirche. Die anderen haben darüber Witze gemacht. Sie haben sich vor mich gestellt und gesagt: ‚Wir wollen dich umbringen.‘“

Im letzten Heim waren sie dann zwei Christen: ein Iraner und Farhad. Eines Nachts sind einige Jungs in ihr Zimmer hereingeschlichen, haben dem christlichen Iraner ein Kissen in den Mund gestopft, ihn verprügelt und ihm ins Ohr geschnitten. Danach kam die Polizei und hat gehandelt: Es gab eine 24-Stunden-Bewachung für Farhad und den Iraner. Zu dem Zeitpunkt hörte Farhad das erste Mal vom Hoffnungshaus.

Farhad* musste viele schlimme Erfahrungen hinter sich bringen, bis er schließlich im Hoffnungshaus ein Zuhause fand.

Neue Hoffnung durch das Hoffnungshaus

Seitdem er im Hoffnungshaus wohnt, fragt ihn niemand mehr, warum er Christ ist. Er wohnt in einer Wohngemeinschaft mit jungen Männern aus verschiedenen Ländern und mit unterschiedlichem Glauben. „Jetzt gehe ich jeden Sonntag in die Kirche und das kritisiert keiner. Kein Muslim wundert sich, ich darf meinen Glauben leben, wie ich will.“ Es gab in seinem neuen Wohnort sogar schon einen afghanischen Gottesdienst, bei dem er Lieder auf Dari gesungen hat.

Bei den Bewohnerabenden im Hoffnungshaus tauscht sich die Hausgemeinschaft über Alltägliches und Kulturelles aus. Religion spielt dabei nur zweitrangig eine Rolle.

Heute kann Farhad wieder lachen. Er spielt gerne Fußball und singt. Vor Kurzem hat er sein Deutschzertifikat in B1 gemacht. Auch wenn sein Aufenthaltsstatus noch nicht final geklärt ist, arbeitet Farhad auf ein Ziel hin: Er will studieren. Und er ist diesem Ziel schon ganz nahe, denn voraussichtlich wird er ab Herbst zu einer Jüngerschaftsschule gehen, wo er in einem sicheren Umfeld den christlichen Glauben studieren darf.

* Der Name wurde zum Schutz des Protagonisten geändert


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Christen in Afghanistan

Afghanistan ist eine islamische Republik. Das bedeutet, dass der Islam Staatsreligion ist und 99,9% der Bevölkerung Muslime sind. Nach Nordkorea ist Afghanistan laut der Non-Profit-Organisation Open Doors, die Christenverfolgung dokumentiert, das gefährlichste Land für Christen weltweit. Die Islamische Republik Afghanistan erlaubt afghanischen Staatsbürgern weder eine Konversion zum Christentum, noch erkennt sie Konvertiten als solche an. Wenn jemand den Islam verlässt, wird das als Verrat an der Stammesgemeinschaft und am Land betrachtet.


Was ist ein Hoffnungshaus?

In den Hoffnungshäusern von Hoffnungsträger leben Einheimische und Geflüchtete zusammen. So werden Integration und Teilhabe möglich. Mehr Infos dazu gibt es auf unserer Website. 

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