Adam Hutchinson im Interview - Hoffnungsträger
Adam Hutchinson im Interview in Kambodscha

“Die Kinder werden für das bestraft, was ihre Eltern getan haben”

In Kambodscha trafen wir Adam Hutchinson zum Gespräch. Der Leiter des Programms für Kinder von Gefangenen international lebt selbst seit zwanzig Jahren im Land und hat uns über die Herausforderungen und Erfolge seiner Arbeit berichtet.

Adam, du lebst seit zwanzig Jahren in Kambodscha. Was hat dich eigentlich hierher geführt?

Ich bin als Mitarbeiter für Prison Fellowship Kambodscha aus Neuseeland gekommen. Später bin ich zu Prison Fellowship International gewechselt — also dem Partner von Hoffnungsträger. Kambodscha ist das erste Land, in dem wir das Programm für Kinder von Gefangenen eingeführt haben. Das war 2013. Ich habe das Programm davor in Kambodscha in anderer Form mit nur 100 Kindern erprobt und geleitet, bis ich die Position an einen lokalen Kollegen übergeben habe und nun weltweit für die Arbeit zuständig bin.

Wie hat dich das Land persönlich geprägt?

Ich habe hier meine Frau kennengelernt und meine drei Kinder sind hier aufgewachsen auch wenn sie in Neuseeland zur Welt gekommen sind, meine Kinder kennen ausschließlich Kambodscha als ihr Zuhause. Letzte Woche habe ich meinen Ältesten, es sind Zwillinge, ein Junge und ein Mädchen, 15 Jahre alt, das Mopedfahren beigebracht. Sie saßen auf dem Moped und ich bin ihnen hinterher gerannt (lacht), ich habe ihnen gezeigt, wie sie den Motor an und wieder aus machen, damit sie langsam ein Gefühl für die Lenkung bekommen. Das war ein tolles Erlebnis! Meine Frau und ich sprechen fließend Khmer, das ist die Landessprache Kambodschas. Wir haben hier viele Freunde gefunden und vor allem meine Frau ist natürlich stark mit dem Land verwurzelt. Doch leider müssen wir Kambodscha schon bald verlassen.

Weshalb?

Die Visa-Restriktionen haben sich geändert. Meine Arbeit erstreckt sich neben Aufgaben für das Patenkindprogramm und die Arbeit mit Gefangenen in Kambodscha auf alle Länder, in denen das Programm durchgeführt wird. Wir sind mit Prison Fellowship International ja in insgesamt 120 Ländern aktiv. Diese internationale Tätigkeiten sind mit dem jetzigen Visa aber nicht mehr kompatibel. Schon in der Vergangenheit bedeutete es unheimlich viel administrative Mühe in Form von Papierkram, um unsere Arbeit in Kambodscha machen zu können.

Was hat sich im Rückblick im Land verändert?

Als ich nach Kambodscha gekommen bin, war hier wirklich noch alles ganz anders. Der Strom ist ständig ausgefallen, es gab keinen Kühlschrank und es musste jeden Tag frisch gekocht werden. Die Straßen waren Schlammpfade, sodass man das Zuhause täglich putzen musste. Außerdem war es so gefährlich, dass man sich bei Dunkelheit nicht aus dem Haus trauen konnte. Seitdem hat sich viel verändert! Heute brauche ich eine gute Stunde bis zum Flughafen, weil die geteerten Straßen so dicht befahren sind, früher ging das in zwanzig Minuten.

Adam und Marcus in Kambodscha
Zwar fand das Gespräch, an dem auch Hoffnungsträger Vorstand Marcus Witzke teilnahm, in einem ruhigen Hotel statt, doch die kommenden Tage geht es “raus aufs Feld”. Treffen mit den Patenkindern und Familien stehen auf dem Programm.

Dass sich das Land so extrem entwickelt hat, ist wirklich keine Selbstverständlichkeit. Bedenkt man, dass Kambodscha durch die düstere Dynastie der Roten Khmer am Nullpunkt stand. Nahezu die komplette Bildungselite Kambodschas wurde umgebracht! Das ist erst vierzig Jahre her. Die Schreckensherrschaft betrifft die Kambodschaner noch heute, auch indirekt die Kinder im Programm. Es fehlt ja eine ganze Generation an Lehrern und Akademikern in sämtlichen Bereichen. Das Bildungssystem schwächelt noch immer. Es ist glaube ich erst zwei Jahre her, dass Schummeln in Examen untersagt wurde. Nachdem das eingeführt wurde, bestanden nur noch 5 % der Schüler ihre Prüfungen.

Was wird sich durch dein Weggehen verändern in der Arbeit, die du zum Großteil mit aufgebaut hast?

Ich werde ja weiterhin in das Programm in Kambodscha involviert sein, das schon seit einigen Jahren läuft und in guten Händen ist. Dafür ist es nicht notwendig, hier zu sein.

Auf welche Meilensteine blickst du zurück?

Ich bin froh zu sehen, wie sich das Programm in Kambodscha entwickelt hat. Es ist innerhalb unserer Organisation auf Platz drei der erfolgreichsten Länder, wenn es um die Zielerfüllung der substantiellen Nöte der Kinder geht. Als wir 2005 gestartet sind, waren 100 Kinder im Pilot-Programm bis 2013, nun sind es um die 1.000.

Auf internationaler Ebene sind schöne Erfolge in Zimbabwe und Sambia zu verzeichnen. In allen Ländern helfen wir dabei, dass die Kinder entweder telefonisch oder persönlich Kontakt mit ihrem Elternteil im Gefängnis haben können. Das ist elementar wichtig für die Erhaltung der Eltern-Kind-Beziehung. Aufgrund von Restriktionen war das in diesen beiden Ländern jedoch bis vor Kurzem nicht möglich. Jetzt ist es möglich. Die Regelungen sind aufgrund unserer Bemühungen angepasst worden. Auch wenn so ein Gefängnisbesuch dramatisch für Kinder sein kann (durch die hohe Schmuggelrate werden sämtliche Besucher unter Generalverdacht gestellt und entsprechend behandelt und durchsucht, auch Kinder), bin ich der Überzeugung: Lieber eine schlechte Besuchserfahrung als gar kein Besuch beim Vater.

Was benötigen Kinder von Gefangenen?

In erster Linie unterscheiden sich die Bedürfnisse der betroffenen Kinder nicht grundlegend von der anderer Kinder: Sie müssen sicher sein und die Möglichkeit haben, zur Schule zu gehen. Doch ihre Situation ist verfahrener, als zunächst ersichtlich. Ich nenne sie: “Poverty plus plus” (“Armut plus plus”). Die meisten Menschen haben eine Vorstellung von Armut, doch für die Kinder von Gefangenen in den Entwicklungsländern, in denen wir arbeiten, ist es nochmal schlimmer. Das erste Plus ist das Trauma, das die Kinder erleiden, weil sie einen Elternteil verlieren. (Bildet mit der Hand eine Faust, die er wie einen Stein auf sein Herz legt, nimmt dann eine zweite Hand dazu, um zu zeigen, wie etwas auseinanderreißt) Nummer zwei sind das Stigma und die Diskriminierung. Die Kinder werden ausgeschlossen, bestraft, sozial isoliert für das, was ihre Eltern getan haben. Als Resultat trennt das die Kinder nicht nur von Chancen, es lässt sich auch hoffnungslos zurück, weil sie sozial verarmt sind.

“Die Kinder werden ausgeschlossen, bestraft und sozial isoliert, für das, was ihre Eltern getan haben.”

In vielen Fällen haben die Kinder durch viele Umzüge unstetiger Familienverhältnisse keine Geburtsurkunde mehr und somit keine Identität. Das macht es unmöglich für die Familien, Hilfe vom Staat zu bekommen. Es ist ein Teufelskreis, der immer mehr in die Hoffnungslosigkeit führt.

Hoffnungstraeger-Vorstand_Marcus-Witzke-in-Kambodscha
Hoffnungsträger Vorstand Marcus Witzke nutzt die Zeit seines einwöchigen Kambodscha-Aufenthalts dazu, um sich mit Programmpartnern wie Adam Hutchinson über Entwicklungen und neue Pläne auszutauschen.

Wie funktioniert und hilft das Programm für Kinder von Gefangenen in Kambodscha?

In Kambodscha arbeiten sieben sogenannte Case Worker, jeder von ihnen betreut 150 Kinder. Das tun sie aber nicht alleine, sondern in Zusammenarbeit mit insgesamt 58 christlichen Kirchengemeinden. Diese sind elementar wichtig, wenn es darum geht, die soziale Isolation der Kinder zu beenden. Durch Familienbesuche zeigen die Mitarbeiter und Ehrenamtlichen den Kindern, dass sie wichtig und gesehen sind. Zusätzlich wird dadurch Vertrauen in der Nachbarschaft der Kinder erzeugt. Die regelmäßigen Besuche geben das Gefühl von “Familie” und vermindern so die Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder als Außenseiter angesehen und gemieden werden.

Neben der Versorgung der Kinder liegt der Fokus in Kambodscha darin, die Familien zur Einnahme eines eigenen Einkommens zu befähigen. Wir schaffen kleine Unternehmensmöglichkeiten und helfen dabei, das eigene Landstück wirtschaftlich zu nutzen, zum Beispiel als Hühnerfarm.

Welche Rolle spielt der christliche Glaube in der Hilfestellung?

Kambodscha ist ein buddhistisches Land, Christen stellen hier mit gerade mal 2 Prozent die Minderheit und fallen entsprechend auf. Durch unsere Familien-Besuche, fangen die Leute an zu fragen: “Warum macht ihr das?” Ich beschreibe das häufig so: “Making God known by making things right” (“Gott bekannt machen, indem man die Dinge in Ordnung bringt”). Die Motivation ist also stets, zerstörte Leben wieder aufzubauen. Immer wieder ergeben sich dann tolle Gespräch über das, was der andere glaubt.

Danke für das tolle Gespräch!

Das Interview wurde in Englisch geführt und ins Deutsche übersetzt.

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