Begegnung mit Hoffnungsträgern in Kolumbien - Hoffnungsträger
Mitarbeiter von CCC treffen Maria

Begegnung mit Hoffnungsträgern in Kolumbien

Ein Dorf, indem Begegnungen zwischen verfeindeten Gruppen nach dem Bürgerkrieg wieder möglich sind, ein Vater, der nach acht Jahren Haft zu seiner Familie wiederfindet und Strafgefangene, die Verantwortung für ihre Taten übernehmen – bei ihrem Besuch von den Projekten von Hoffnungsträger in Kolumbien erfährt Mitarbeiterin Leonie Löwenstein Bezerra hoffnungsvolle Geschichten.

Es ist eine strapaziöse Reise, die hinter Leonie liegt, als sie in Medellín, der zweitgrößten Stadt Kolumbiens, ankommt. Hier ist der Sitz unserer Partnerorganisation 
Confraternidad Carcelaria de Colombia (CCC). Am Flughafen wird sie von Jorge in Empfang genommen, dem treuen Fahrer von CCC. Ein straffes Programm steht ihr bevor.

Der Weg nach San Francisco führt durch wunderschönes, aber schwieriges Gelände

Begegnung zwischen Opfern und Tätern im „Dorf der Versöhnung“    

Einen Tag hat sie zur Akklimatisierung, zum Ankommen, zur Erkundung des Stadtzentrums. Dann geht es los ins Abenteuer. Als erstes steht die Gemeinde San Francisco, etwa dreieinhalb Fahrstunden von Medellín entfernt, auf der Agenda. San Francisco war eine der ersten Gemeinden, in der das Projekt „Dörfer der Versöhnung“ durchgeführt wurde – eine Zusammenführung von Zivilbevölkerung und Tätern, die sich während des bewaffneten Konflikts in Kolumbien, der über 50 Jahre andauerte, schuldig gemacht haben.   

  

San Francisco und die kleine zugehörige Gemeinde San Isidro befinden sich auf der sogenannten „Koka-Route“, wo die Guerilla Kokain über die Grenze nach Panama schmuggelten. Hier haben sich die FARC-Guerilla, ELN, Paramilitärs und das Militär erbitterte Kämpfe geliefert. Leidtragende war die Zivilbevölkerung, in diesem Falle größtenteils Kleinbauern. Insbesondere die Begegnung mit Maria* beeindruckt Leonie. Die Frau hat ihre gesamte Familie, ihren Bruder, Onkel und ihre Eltern durch die Guerilla verloren. 

Leonie (von rechts) besucht gemeinsam mit Shirley und Anna das Dorf der Versöhnung San Francisco

Erstmals über den Schmerz und die Emotionen reden   

Maria erinnert sich, dass es abends lebensgefährlich war, überhaupt das Haus zu verlassen. Sie sagt, dass die Guerilla in ihren Augen „kein Herz, keine Seele“ hatte. Sie empfand nur Verachtung. Bis die Organisation CCC im Jahr 2015 mit dem Programm „Dörfer der Versöhnung“ in San Isidro begann. In Workshops konnte Maria zum ersten Mal über ihren Schmerz reden und über das, was sie bewegte. Sie traf Gleichgesinnte und auch Täter. Da begann für sie ein Umdenken.  

Marias Einsicht, dass ihr Groll ihre Familie nicht wieder zurückbringt, war sehr emotional und bewegend für mich.

Als Leonie die Gemeinde San Isidro besucht, bleibt ihr vor allen Dingen Marias Gesinnungswechsel in Erinnerung: „Für sie hat durch die Workshops ein totales Umdenken stattgefunden, dass die FARC auch nur Menschen sind. Sie hat während des Programms festgestellt, dass dieser Groll ihre Familie auch nicht wieder zurückbringt – das war wirklich sehr emotional und beeindruckend.“

  

Gemeinsam Dorfstrukturen wiederaufbauen 

Neben den Workshops gehören auch infrastrukturelle Projekte zum Programm „Dörfer der Versöhnung“. Das bedeutet, dass Teilnehmer des Programms gemeinsam Teile des Dorfes wiederaufbauen, die während des bewaffneten Konflikts zerstört wurden und von denen die ganze Dorfgemeinschaft profitiert. In diesem Falle wurden ein Stück Straße und eine Kapelle wieder errichtet. CCC hat hierzu ein kleines Video auf Spanisch veröffentlicht. Maria bestätigt, dass der gemeinsame Aufbau und die Arbeit ihr geholfen haben bei der Verarbeitung und dem Verständnis des Konfliktes. Es hat eine Begegnung auf Augenhöhe ermöglicht.  

Mittlerweile sieht es aus, als habe die Kapelle hier immer gestanden. Sie wurde von Opfern und Tätern des Konflikts gemeinsam wieder aufgebaut.

Heute spiegelt sich das in der Dorfgemeinschaft wider. Vom einstigen Hass und Misstrauen ist laut Leonie nur noch wenig zu spüren. Insgesamt ist es ein harmonisches Zusammenleben, in dem sich die Bewohner San Franciscos offen auf der Straße begegnen. Wo vorher Fronten waren, ist heute Alltag möglich. Es hat sich hier viel getan, bestätigte ihr auch der Dorfvorsteher. Er ist glücklich über die positive und nachvollziehbare Veränderung, die Hoffnungsträger bewirkt hat.

Zu Besuch im Militärgefängnis 

  

Am nächsten Tag geht es für Leonie ins Militärgefängnis. Hier begleitet sie Simone Dengler, Mitarbeiterin bei CCC, die von Christliche Fachkräfte International unterstützt wird. Heute steht zum ersten Mal für die dort einsitzenden Ex-Militärs ein Workshop des Sycamore-Tree-Programmes (STP) an. Das Programm zielt auf die Wiedereingliederung der Strafgefangenen in den Alltag und es soll ein Bewusstsein über die eigene Täterschaft hervorbringen. Viele der hier einsitzenden Männer haben noch keine Anklage und sie warten auf ihren Prozess. 

  

Zum Aufwärmen veranstalten die Frauen ein Begrüßungsspiel: Simone und Leonie zeigen Begrüßungsformen aus aller Welt, welche die Strafgefangenen nachmachen können. Es beginnt mit einer distanzierten deutschen Begrüßung, ergo Händeschütteln, dann kommt eine indische Begrüßung und schließlich der Handschlag der Guerilla: Die Hand, mit der man normalerweise die Pistole hält, schüttelt die andere Hand. Und mit der Hand, mit welcher der Guerillero sich verteidigt, umarmt er den anderen. Die Ex-Militärs sind erst irritiert und dann begeistert.

Manche sind voll darauf eingegangen und am Ende des Workshops wollten sie wirklich Kontakt mit den Opfern herstellen.

Das Eis ist gebrochen, die Männer sind offen für weitere Inputs. Während des Workshops geht es um die eigene Schuld und Gottes Liebe. Anhand der Geschichte des sündigen Zollpächters Zachäus aus dem Lukasevangelium, bei dem Jesus einkehrt, wird den Strafgefangenen Gottes Liebe für jeden Menschen verdeutlicht. Viele der Workshop-Besucher sind tief bewegt. Zum Abschluss können sie einen Brief an die Opfer schreiben, die durch ihre Taten zu Schaden gekommen sind. Leonie reflektiert: „Das war so spannend zu sehen, dass manche voll drauf eingegangen sind und am Ende wirklich Kontakt mit ihren Opfern herstellen wollten. Es war sehr beeindruckend, wie viel in so kurzer Zeit schon passieren kann.“

Viele Strafgefangene ändern ihr Leben grundliegend 

  

Bereits seit 2004 veranstaltet CCC Workshops in Gefängnissen und schafft es, dass gebrochene Menschen wieder eine Perspektive für sich und ihr Leben bekommen und Verantwortung für ihre Taten entwickeln. Die Geschichte des Zachäus ist für viele Strafgefangene ein Augenöffner, da sie sich mit der Figur des Zöllners identifizieren können.

  

So erging es auch Familienvater José*. Vor ein paar Monaten ist er aus dem Gefängnis gekommen. Leonie hat ihn und seine Familie in Medellín besucht gemeinsam mit den Kollegen von CCC und Lydia Goll, einer Patin, die sich für Hoffnungsträger-Projekte interessiert (hier findet man ihren Blogeintrag zu dem Familienbesuch).

Das Patenprogramm unterstützt ganze Familien 

José hat acht Jahre lang im Gefängnis Bellavista seine Strafe für illegalen Waffenhandel abgesessen. In der Zeit musste seine Frau alleine für sich und die zwei gemeinsamen Kinder sorgen. Zum Glück bekamen sie Unterstützung durch das Patenprogramm von Hoffnungsträger. Ohne die Hilfe, sagen sie heute, wäre diese Zeit noch viel schwieriger gewesen. Vor allem José ist ergriffen und dankbar, dass seine Frau und Kinder so unterstützt wurden. Leonie und Lydia sind begeistert von der charismatischen Familie: „Es war richtig, richtig schön! Die Familie hat uns so offen und warmherzig aufgenommen und von all den Herausforderungen erzählt, die sie während der Haft hatten.“

Der Ex-Häftling José ist glücklich, wieder bei seiner Familie zu sein
Der Ex-Häftling José* ist glücklich, wieder bei seiner Familie zu sein

Oft ermöglicht erst die Hilfestellung durch das Patenprogramm, dass die Kinder weiter zur Schule gehen können. Neben der finanziellen Unterstützung ist „das Wichtigste, dass einem jemand zuhört“ hat uns Gabriela bestätigt, die als Kind im Patenprogramm war, als ihr Vater im Gefängnis saß. 

Große Projekte stehen bevor 

Zum Abschluss ihrer Reise besucht Leonie noch eine Finca in der Nähe Medellíns. Hier sollen jugendliche Straftäter nach dem Vorbild des Seehauses in Deutschland im offenen Strafvollzug leben. Noch ist das Projekt in der Aufbauphase, aber hier auf der Avocadofarm sollen auf lange Sicht bis zu 120 straffällige Jugendliche untergebracht werden und es soll eine realistische Alternative zum Jugendgefängnis darstellen – als erstes Projekt dieser Art in Kolumbien.

Offener Jugendstrafvollzug auf Avokadofarm
Auf dieser Avokadofarm sollen jugendliche Straftäter im offenen Volllzug betreut werden

Mit diesem letzten Besuch endet Leonies Reise in Kolumbien. Den Koffer voller neuer Erfahrungen geht es wieder zurück nach Deutschland. Der Einblick, den sie in die Projekte in Kolumbien vor Ort gewonnen hat, ist nur ein kleiner Bruchteil dessen, was Hoffnungsträger mit Projektpartner CCC dort leistet.

* Die Namen wurden zum Schutz der Protagonisten geändert

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