Zu Besuch im Hoffnungshaus Bad Liebenzell - Hoffnungsträger

Zu Besuch im Hoffnungshaus Bad Liebenzell

Die beiden Hoffnungshäuser in Bad Liebenzell thronen in idyllischer Lage über dem Kurort. Gemeinsam mit der Liebenzeller Mission betreibt Hoffnungsträger seit Februar 2018 die beiden Hoffnungshäuser, in denen Familien mit und ohne Zuwanderungsgeschichte, Studierende und Singles unter einem Dach wohnen. Zu Besuch im Hoffnungshaus in Bad Liebenzell.

Die Morgensonne steht noch schräg am Himmel, es ist früher Vormittag. Aber hinterm Haus wird schon angepackt. Hoffnungshausleiter Tobias Zinser und ein paar Bewohner des Hauses schaffen Baumaterial herbei, um eine Feuerstelle zu bauen. Gemeinsam bringen sie den aufgetürmten Schutt von der Rückseite der Häuser zur Grillfläche, um dort den Boden zu begradigen.  

Baumaterial hinter dem Hoffnungshaus für den Grillplatz
Hoffnungshausleiter Tobias Zinser hilft mit.

Neben dem kleinen Spielplatz zwischen den Häusern und der Fußballwiese lädt so bald auch ein Grillplatz zum gemeinsamen Verweilen ein: Ein willkommenes Freizeitangebot für die etwa 46 Bewohner aus sechs Nationen, die in den zwei Hoffnungshäusern wohnen. 

Jeder gestaltet das Miteinander

Fürs leibliche Wohl der hart arbeitenden Männer sorgt Familie Wurster, die ganz oben im hinteren Haus wohnt. Durch das Treppenhaus geht es in die oberste Etage. Auf dem Weg prangen bunte Mottosprüche der Hoffnungsträger auf den schlichten Betonwänden, wie: „Hoffnungsvoll wohnen“, „Hier werden Fremde zu Freunden“ und „Ein Haus voller Hoffnung“. Zudem zieren bunte Bilder den Flur, Schuhansammlungen vor den Türen zeigen, wer hier alles wohnt.  

„Hoffnungsvoll wohnen“ - „Hier werden Fremde zu Freunden“ – „Ein Haus voller Hoffnung“: Sprüche, die das Hoffnungshaus beschreiben

Tabea Wurster hat gebratene Maultaschen gemacht, das geht schnell und stärkt nach getaner körperlicher Arbeit. Der aus Marokko stammende Ahmad ist begeistert: „Ich liebe die schwäbische Küche. Maultaschen mache ich mir mittlerweile sogar manchmal selber.“ So ist das hier im Hoffnungshaus in Bad Liebenzell: man lernt voneinander und internationale Begegnung gehört zum Alltag. 

Gebratene Maultaschen - typisch schwäbische Küche
Ahmad aus Marokko liebt es, lokale Bräuche kennenzulernen

Studenten und Geflüchtete in der Männer-WG 

Als nächstes geht es in die Männer-WG im anderen Gebäude. Es ist eine von zwei WGs am Standort Bad Liebenzell. Während die Frauen-WG aus Studentinnen der Liebenzeller Mission besteht, wohnen in der Männer-WG sowohl Studenten als auch Männer mit Zuwanderungsgeschichte. Die Liebenzeller Mission, eine gemeinnützige und weltweit agierende christliche Organisation, ist Kooperationspartner von Hoffnungsträger an diesem Standort. Das bedeutet, dass Studierende der Internationalen Hochschule Liebenzell (IHL) als auch der Interkulturellen Theologischen Akademie (ITA) die Hausgemeinschaft mitprägen. 

„Es ist sehr bereichernd mit den Jungs (Geflüchteten) zusammenzuwohnen. Manchmal hätte ich gerne mehr Zeit für die WG.“ Samuel

Theologie- und Pädagogik-Student Samuel, 22 Jahre alt, ist seit der ersten Stunde Bewohner des Hoffnungshauses in Bad Liebenzell. Er ist als Sohn von Missionaren in Jakarta, Indonesien, aufgewachsen und weiß genau, wie es sich anfühlt, nicht immer „Teil der Masse“ zu sein, wie er sich ausdrückt. Schon vor den Hoffnungshäusern hat er sich in der Gemeinschaftsunterkunft in Liebenzell für Flüchtlinge engagiert – jetzt lebt er mit einigen von ihnen zusammen. 

Student Samuel in seinem Zimmer
Das Wohnzimmer der Männer-WG, manchmal wird hier auch gezockt.

Ein Thema, das ihn zentral bewegt, ist: „Wie kann ein Miteinander geschehen?“ – Im Hoffnungshaus erfährt er es jeden Tag in der Praxis. Samuels Fenster geht nach hinten zum anderen Hoffnungshaus raus. „Es ist genial, wenn jemand auf dem Balkon steht, dann mache ich mein Fenster auf und kann mit denen sprechen.“ Unterm Fenstersims im Zimmer hat er einen kleinen Spickzettel mit Namen hängen. „Ich kann mir noch nicht alle Kindernamen merken, da muss ich mir manchmal selbst auf die Sprünge helfen.“ 

Kulturelle Unterschiede in der WG 

Bei der Frage, wie es ist, mit Afghanen, Somaliern und Syrern zusammen zu wohnen und ob man manchmal auch auf kulturelle Barrieren stößt, muss er schmunzeln. Natürlich spiele die Sprachbarriere öfter eine Rolle. „Ich habe gemerkt, dass ich manchmal meine Mitbewohner, die nicht so gut Deutsch sprechen, unterschätze.“ Aber auf Englisch habe er dann festgestellt, „wie helle die anderen Jungs sind“ – dabei würden manchmal sogar philosophische Diskussionen entstehen. 

„In der Küche ist es ganz selbstverständlich, dass immer zwei bis drei Portionen mitgekocht werden. Es ist so praktisch – wir haben eigentlich immer etwas zu Essen zu Hause.“ Samuel, Student

Hoffnungssprüche im Treppenhaus ...
... sie erklären das Konzept und sollen einladen.

Auch wenn im Alltag nicht immer die Zeit für lange Gespräche bleibe, so bekomme Samuel doch viel mit, was bei den Jungs abgeht. Dass sie ihre Familien vermissen, dass die Sorgen sie manchmal nicht einschlafen lassen. Dann steht Samuel mit einem offenen Ohr zur Seite und tröstet. 

„In der Küche ist es ganz selbstverständlich, dass immer zwei bis drei Portionen mitgekocht werden. Es ist so praktisch – wir haben eigentlich immer etwas zu Essen zu Hause.“ Mit Amman hat Samuel sich einen riesigen Sack Reis gekauft, der wird geteilt. „Am besten ist es, wenn Amman den Reis dann marokkanisch zubereitet. Mega lecker! Die anderen Jungs können richtig gut kochen.“  

Letzte Vorbereitungen für den Bewohnerabend 

Über gemeinsames Essen lernt man sich nicht nur in den WGs besser kennen, sondern auch häuserübergreifend. Als besonders wertvoll empfinden alle Bewohner die einmal im Monat stattfindenden Bewohnerabende, die von den Hoffnungshausleitern Sarah und Tobias Zinser einberufen werden. Auch heute findet so ein Bewohnerabend statt. In der Wohnung von Familie Hanna aus Syrien laufen die letzten Vorbereitungen. 

Der Hummus steht schon fertig auf dem Tisch, jetzt wird noch „Riz bel Bazelyah“ zubereitet – ein syrisches Nationalgericht. Mutter Adra setzt das Wasser für den Reis auf und holt die Erbsen aus dem Kühlschrank. Tochter Maya schneidet das Hühnerfleisch. Zwei Jahre haben sie auf engstem Raum in einer Gemeinschaftsunterkunft in Bad Liebenzell gelebt. Ihre 100 m² große Wohnung im Hoffnungshaus ist wie ein Palast dagegen. Lojain zeigt ganz begeistert ihr Zimmer, das sie sich mit ihrer älteren Schwester teilt. An den Wänden hängen Plakate, auf dem Tischchen stehen Erinnerungsfotos aus Syrien. 

Adra Hanna bereitet Erbsen für den Reis vor.
Hummus, wie in Syrien.

Die letzten Jahre waren alles andere als einfach. Aber Familie Hanna schaut zuversichtlich in die Zukunft. Sie fühlen sich aufgefangen in der Hausgemeinschaft des Hoffnungshauses. Vater Kobel fängt langsam an, finanziell auf eigenen Beinen zu stehen. Er arbeitet heute Abend in einer Hotelküche und kann beim Bewohnerabend leider nicht dabei sein. 

Bewohnerabend in Bad Liebenzell 

Das Essen ist fertig, die Mädels haben sich aufgehübscht, und ab geht es runter zum vorderen Hoffnungshaus. Es ist bereits dunkel draußen und das Licht des großen Gemeinschaftsraums scheint heimelig nach draußen. Drinnen haben sich schon zahlreiche Bewohner zusammengefunden und an die Tische gesetzt. Auf einer langen Tafel steht Essen: Reis neben einem Pasta-Gericht, Rohkostteller und Backwaren. Es ist ein Potpourri aus aller Welt. 

Hoffnungshausleiter Tobias Zinser beginnt den Abend, er heißt alle willkommen und eröffnet das Buffet. Es braucht nicht lange, da bildet sich eine Schlange und man macht sich hungrig übers Buffet her. Lachen und laute Gespräche erfüllen den Raum – so ein ungezwungenes Beisammensein kommt viel zu selten vor. 

Nach dem Essen gibt es noch weitere Programmpunkte: Familie Zinser hat ein Länderquiz vorbereitet. Der Raum wird abgedunkelt und ein Fernseher herausgeholt. In einer Präsentation mit bunten Bildern werden Fragen gestellt wie: „Was ist die Hauptstadt von Somalia?”, „Was ist ein beliebter Sport in Afghanistan?” oder „Wie viele Bundesländer hat der Irak?”. Raten darf jeder, der nicht aus dem jeweiligen Land kommt. Das Spiel sorgt für viel Erheiterung. 

Erst spät wird die Runde aufgelöst. Die Bewohner gehen mit leuchtenden Augen und roten Wangen in ihre Wohnungen zurück und mit einem vollen Herzen – sie sind Teil einer Gemeinschaft im Hoffnungshaus und das spürt hier jeder. 

Beitrag teilen: