Von Damaskus nach Leonberg - Hoffnungsträger

Von Damaskus nach Leonberg

Alyaa Elkhudary unterstützt seit Sommer 2018 das Team der Sprachvermittler für Geflüchtete in Leonberg. Bereits seit 2016 lebt sie in der Frauen-WG im Hoffnungshaus Leonberg und gehört damit zu den ersten Bewohnern des Hoffnungshauses. Im Interview mit Redakteurin Julia Weiß verrät sie, welch Segen und Fluch das Leben in Deutschland sein kann.

Alyaa (30 Jahre alt) begrüßt mich mit einem strahlenden Lachen. Sie freut sich, über sich erzählen zu dürfen und zu teilen, was in ihr vorgeht. Denn ihre Situation ist einmalig, und zugleich kann sie stellvertretend für viele Flüchtlinge in Deutschland sprechen. Es wäre übertrieben zu sagen, dass Alyaa sich vollkommen angekommen oder sogar angenommen fühlt in Deutschland. Sie hat viel Zeit in ihrem Leben der deutschen Sprache gewidmet, war schon in Syrien Dozentin für Deutsch an der Universität Damaskus, bevor sie mit ihrem Bruder und dessen Familie nach Deutschland ausgewandert ist.

So schreibt man 'Alyaa Elkhudary' auf arabisch
Auf dem Schreibtisch: Viele kleine Geschenke, die sie an ihre Familie erinnern

Aufgewachsen in einem Städtchen nahe Damaskus 

Wenn man Alyaa so betrachtet, sieht man eine starke Frau: einen starken Willen, zielgerichtete Augen, ein verschmitztes Lachen umspielt ihren Mund. Gleichzeitig spürt man, dass Alyaa es nicht immer leicht hatte. Aufgewachsen ist sie in einem Städtchen nahe Damaskus. Als eines von sechs Kindern. Alyaas Mutter als gelernte Islamwissenschaftlerin hat erst als Lehrerin Islamische Theologie unterrichtet, dann als Direktorin eine Realschule geleitet. Ihr Vater ist ebenfalls Lehrer an einer Grundschule. Und fünf von den sechs Geschwistern haben an der Universität studiert. Alle, bis auf einen Bruder, mit dem Alyaa nach Deutschland gekommen ist: „Er wollte nach dem Abitur nicht studieren, da er eher der praktische Typ ist“, lacht sie. Deswegen hat er in einem Warenlager in Damaskus gearbeitet und hat das gemacht, was er am besten kann: Mathematik und Rechnen.

„Ich mag Fremdsprachen – und Deutsch ganz besonders.” Alyaa Elkhudary

Alyaa hat 2007 angefangen, an der Universität Damaskus Germanistik zu studieren – „Ich mag Fremdsprachen“. Erst wollte sie Englisch lernen, aber dafür fehlten ihr ein paar Punkte. Also fiel die Wahl auf Deutsch. Sie war im zweiten Jahrgang, der überhaupt an der Universität angeboten wurde, und war von Anfang an begeistert: „Die Sprache hat so viel Struktur, die Grammatik, ich mag das, wenn man analytisch rangehen muss.“

Schon früh Kontakt mit deutscher Kultur 

Mit der Lebenswelt in Deutschland hat sich die heute 30-jährige Syrerin schon früh auseinandergesetzt. Denn Alyaas Onkel hatte bereits in den 1970er-Jahren bei Stuttgart studiert, Maschinenbau-Ingenieur gelernt und im Familienkreis begeistert von der Zeit gesprochen. Im Jahr 2010 war es auch bei Alyaa so weit: Der DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst – eine Gemeinschaftseinrichtung der deutschen Hochschulen und Studierendenschaften zur Pflege ihrer internationalen Beziehungen) zahlte ihr ein Stipendium für einen Sommerkurs in Deutschland. Rückblickend eine der besten Zeiten in ihrem Leben, findet Alyaa: „Ich war in Berlin an der Freien Universität Berlin, da habe ich einen Sommerkurs gemacht. Das war super.“ Die Sprache, die Kultur, die Menschen – alles begeisterte sie an Deutschland. Sie fühlte sich willkommen.

Mit dem Job beim Sprachvermittlerpool hat sie es geschafft: Ihr erster richtiger Job in Deutschland
Im Sprachvermittlerpool von Hoffnungsträger unterstützt Alyaa, wo sie nur kann

Nachdem sie 2011 ihren Abschluss in Germanistik machte, begann sie an der Universität Damaskus als eine von wenigen jungen Frauen zu unterrichten. Dabei bedeutete der Alltag an der zum Teil recht liberalen Universität eine besondere Herausforderung, da sie als gläubige Muslima ein Kopftuch trug.

Der Krieg veränderte alles 

Noch während Alyaa an der Universität arbeitete, brach der Krieg in Syrien aus. Ihre Familie musste das Haus verlassen, ihr Bruder kam ins Gefängnis, viele ihrer Studenten flüchteten. Da wurde sie ebenfalls vor die Wahl gestellt. Ihr Bruder wollte mit seiner Familie nach Europa fliehen und fragte sie, mitzukommen – da sie doch schon Deutsch sprechen konnte. Im Oktober 2015 fiel die Entscheidung; gemeinsam mit ihrem Bruder, dessen Frau und den zwei kleinen Kindern wollte Alyaa nach Deutschland auswandern. Sie gab gleich an mehreren Instituten Sprachkurse, um das Geld zusammenzubekommen für die Flucht und ein neues Leben in Deutschland.

„In diesem Moment habe ich an nichts anderes gedacht, als unbeschadet ans andere Ufer zu kommen.” Alyaa Elkhudary

Die Reise war lang und beschwerlich. Sie führte von Damaskus nach Beirut, dann in die Türkei. Dort blieben sie fast einen Monat lang. Es brauchte sechs Versuche für die Familie, endlich mit einem Schlauchboot über das Mittelmeer nach Griechenland überzusetzen. Eine kostspielige Angelegenheit, immer wieder mussten sie den Schleppern Geld zahlen. Die Bilder kennt man aus den Medien: 67 Menschen zusammengepfercht auf einem kleinen Schlauchboot, das nur sechs Meter lang ist. Alyaa hielt die sechs Stunden Überfahrt die kleine, zwei Monate alte Nichte im Arm, um sie zu schützen. „In diesem Moment habe ich an nichts anderes gedacht. Ich wollte nichts, nur die kleinen Kinder beschützen. Dass sie unbeschadet ans andere Ufer kommen.“

Manchmal ist sich Alyaa nicht sicher, wie es weitergeht

In Griechenland übernachtete sie sechs Tage in einem Zelt. Dann ging es weiter in einem Strom von Menschen mit Bussen und Zügen über Mazedonien, Kroatien, Slowenien, Österreich, dann bis nach Deutschland. Die Fluchterfahrung in Europa hat Alyaa als nicht so schlimm empfunden: „Gott sei Dank, die Polizei war sehr nett, sehr freundlich. Die Leute haben uns mit viel Essen versorgt. Manchmal sind wir gelaufen, aber nur eine Stunde oder eine halbe.“

Schwieriger Start in Deutschland 

An der Grenze wollten die Grenzbeamten Alyaa fast nicht mehr gehen lassen: „Wow, du sprichst Deutsch! Wie gut! Du bist eine super Frau, möchtest du mit uns arbeiten?“ Im Endeffekt zog sie dann aber mit ihrem Bruder weiter – und musste erfahren, dass es nicht so leicht war wie ein paar Jahre zuvor, in Deutschland anzudocken. Es ging von einer Unterkunft in die nächste. Ihre Deutschkenntnisse waren punktuell von Nutzen, aber kein Grund, sie dazubehalten oder ihr einen festen Job als Dolmetscherin zu geben. Die viel wichtigere Frage, die plötzlich im Raum stand, war die nach ihrem Status.

Bei einem Workshop über Asylrecht bildet sich Alyaa weiter und erfährt viel über die eigene Rechtssituation

Alyaa ist erstaunt, wie bürokratisch die Flüchtlingsfrage in Deutschland behandelt wird. „Ich habe viele neue Eindrücke gesammelt, von Deutschen und von mir selbst. Ich hatte keine Ahnung, dass die Situation in Deutschland so hektisch ist. Und sehr voll für Flüchtlinge. In Berlin war die Erfahrung total schön und entspannt, als ich als Studentin gekommen bin.“ Jetzt hat sie subsidiären Schutz. Das bedeutet, dass ihr Aufenthalt bis 2020 geklärt ist und danach neu verhandelt werden muss – obwohl sie aus Syrien, einem unsicheren Herkunftsland, stammt und die deutsche Sprache beherrscht.

Subsidiärer Schutz und Diskriminierung 

Darum drehen sich die existenziellen Fragen in Alyaas Leben: Wie lange darf sie in Deutschland bleiben? Wie geht es weiter? Darf sie in Europa reisen? Am meisten leidet sie darunter, dass sie ihre Mutter in Damaskus nicht einfach besuchen kann. Weder ist Alyaa eine Reise nach Syrien mit Recht auf Rückkehr nach Deutschland gestattet, noch ihrer Mutter ein Besuch in Alyaas neuer Heimat.

Das letzte Geburtstagsgeschenk: Erinnerungen festgehalten auf Fotos
Am Schreibtisch hat Alyaa Bilder von ihrer Familie und von Freunden hängen

Zudem ist sie im Alltag oft Diskriminierung ausgesetzt. In Leonberg laufen nicht viele Frauen mit Kopftuch auf der Straße herum. Wenn man sie danach fragt, trübt sich ihr Blick: „Das ist viel zu viel. Auf der Straße gucken fast alle. Manche gucken sogar weg und halten sich die Hand vor die Augen. Was habe ich verbrochen? Was habe ich an? Bin ich gefährlich?“ Manchmal ist es ihr nur erträglich, mit Musik im Ohr auf die Straße zu gehen. Am meisten hat Alyaa eine Begegnung verstört mit einem Mann, dem sie am Bahnhof mit dem Koffer helfen wollte. „Der hat mich angeguckt und er hat gesagt: ‚Islam und Mohammed nein, ich brauche keine Hilfe.‘ Dann habe ich gesagt: ‚Ich helfe allen Menschen‘, und bin weggegangen.“

Eine neue Familie durch das Hoffnungshaus 

Mit dem Einzug ins Hoffnungshaus im Jahr 2016 wandelte sich vieles zum Positiven für Alyaa; mit der Hausgemeinschaft hat sie eine neue Familie und ein neues Zuhause gefunden. In der Mädchen-WG im obersten Stockwerk wird gemeinsam gekocht, gelacht und der Alltag geteilt: „Mit den Mädchen in der WG, mit den Frauen im Haus, da spüre ich Familie.“ Gleichzeitig ist es nicht immer einfach, wenn Bewohner wieder ausziehen oder Praktikantinnen und FSJlerinnen nur ein paar Monate oder maximal ein Jahr lang bleiben. Zum Hoffnungshaus gehört auch ständiger Wandel.

Alyaa liebt es, an ihrem eigenen Schreibtisch zu sitzen

Mit dem Jahr 2018 und der Einrichtung eines Sprachvermittlerpools unter der Leitung von Sabine Hoene kam auch der erste feste Job für Alyaa: Ihre erste 40 Prozent-Anstellung bei Hoffnungsträger. Als Betreuerin und Mitglied des Sprachvermittlerpools übersetzt Alyaa vom Arabischen ins Deutsche und umgekehrt bei Behördengängen, im Krankenhaus oder auch in einer Sonderschule. „Ich wollte immer arbeiten“, sagt sie. „Mit Gottes Hilfe und mit Hilfe des Hoffnungshauses konnte ich dieses Ziel erreichen.“

Für Alyaa steht fest: In absehbarer Zeit will sie komplett auf eigenen Beinen stehen, aus dem Hoffnungshaus ausziehen in eine eigene, kleine Wohnung. Das Leben im Hoffnungshaus hat sie befähigt, selbstbewusster durchs Leben zu gehen, und ihr den Rücken gestärkt. Durch die Hausgemeinschaft und den Glauben an ihre Person hatte sie eine wichtige Starthilfe in Deutschland, die sie sich auch für andere Menschen erhofft, die hierherkommen. Den Alltag bestreitet sie mit den ganz normalen Herausforderungen, einem Spagat zwischen Integration und eigener Identität, den eigenen Wurzeln. Dabei helfen ihr auch ihr Bruder und dessen Familie, die ebenfalls in Deutschland sind, so wie einige andere Verwandte. Wenn ihr mal alles zu viel wird, kann sie ihre Familie besuchen und nach Herzenslust arabisch sprechen. Nur mit ihrer Familie in Syrien, den Schwestern und ihrer Mutter, spricht sie weiter über WhatsApp und Social Media.

Gemeinsam mit ihren Freundinnen in und um das Hoffnungshaus fühlt sie sich wohl

„Ich möchte ein schönes Bild von Syrien vermitteln, einen positiven Eindruck von meiner Religion und meiner Kultur geben. Mir ist wichtig, mit Liebe und Respekt durch das Leben zu gehen und eine gute Gemeinschaft mit anderen zu leben. Egal, ob in Deutschland oder anderswo – wir sind alle gleich und das möchte ich durch meine Arbeit vermitteln”, sagt Alyaa.

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