Vom Luftfahrtingenieur zum Hoffnungshausleiter - Hoffnungsträger

Vom Luftfahrtingenieur zum Hoffnungshausleiter

Matthias und Cathrin Seitz sind seit Sommer 2018 Hoffnungshaus-Leiter am Standort Leonberg, Baden-Württemberg. Die Entscheidung, Leiter im integrativen Wohnkonzept zu werden, war für sie als Paar ein großer Schritt. Ein Jahr lang mussten sie von Ludwigsburg aus pendeln, da das Hoffnungshaus noch nicht bezugsfertig war. Redakteurin Julia Weiß trifft das Paar, das inzwischen eingezogen ist und ein ganz eigenes Flair in das Hoffnungshaus mit einbringt.

Die Wohnung riecht noch etwas nach frischer Farbe. Aber man erkennt schon deutlich, wer hier wohnt: An den Wänden hängen Bilder von einem glücklich aussehenden Ehepaar. Cathrin im weißen Hochzeitskleid mit blauem Band, Matthias im anthrazitfarbenen Anzug. Sie stehen voreinander, schauen sich lächelnd an. In den Händen halten sie zusammengeschnürte bunte Luftballons. Die Wohnung ist bestückt mit Holzmöbeln, gesprenkelt mit einigen Farbakzenten – hell, freundlich, einladend.

Liebevoll haben Seitzens das Abendbrot hergerichtet.
Der Hausflur wird mit Blumen geschmückt.

Die selbst konstruierte Lampe über dem Esszimmertisch ist ein Hinweis auf Matthias’ Hobby: Er ist Bastler. Einer seiner ersten Impulse war es, eine Technik AG im Hoffnungshaus anzubieten, um Kindern und Jugendlichen die Begeisterung für Technik und fürs Basteln zu vermitteln. Das zeigt sich auch an kleinen Details im Haushalt.

Herausforderung Hoffnungshaus

Es ist ein milder Sommerabend und Matthias und Cathrin Seitz haben mich zum gemeinsamen Abendessen eingeladen. Es gibt Brot und allerlei Belag, Cathrin macht einen Salat und dazu gibt es selbstgemachten Apfelsaft aus Äpfeln, die aus dem Garten von Matthias‘ Oma stammen. Die beiden lieben es, Gäste zu haben, das merkt man. Eine gute Voraussetzung für die Leitung im Hoffnungshaus, denn hier ist man eigentlich immer mit Menschen in Kontakt. Auf die Frage, ob ihnen das nicht manchmal auch zu viel wird, sind sie unterschiedlicher Meinung:

Cathrin Seitz fühlt sich wohl in den eigenen vier Wänden.

Matthias fängt euphorisch an zu gestikulieren. „Die ersten Tage waren wie im Urlaub! Du bist rausgekommen und dann triffst du dauernd Leute wie auf einem Campingplatz. Allein der Weg von der Arbeit zu meinem Wohnhaus: Hier draußen haben vier Jungs gekickt, da habe ich 10 Minuten mitgekickt. Dann läufst du weiter, triffst den und den … Ich glaube, ich habe eine Stunde gebraucht, um die knapp 200 Meter vom Büro nach Hause zu kommen.“ Matthias lacht, seine Augen leuchten. „Natürlich gibt es auch Situationen, in denen du das nicht willst. Aber allein die letzten Tage hier – ich weiß gar nicht mehr, wie ich jemals hier wegziehen soll.“ – „Wir hatten anfangs beide Bedenken. Matthias liebt es, permanent in Gesellschaft zu sein. Ich brauche schon manchmal ein bisschen meine Ruhe“, sagt Cathrin.

Bruch in der Biografie

Die letzten zwei Jahre lebte das Paar in Ludwigsburg, bis sie Ende 2017 vor die Frage gestellt wurden, ob sie sich vorstellen konnten, ein Hoffnungshaus zu leiten. Cathrin Seitz war zu diesem Zeitpunkt schon bei der Stiftung angestellt und betreute als Sozialarbeiterin die Hoffnungshausbewohner. Seit dem Frühjahr 2018 arbeitete sie auch als Integrationsmanagerin für Geflüchtete in Anschlussunterbringungen der Stadt Leonberg. Matthias war als Luft- und Raumfahrtingenieur bei einem mittelständischen Unternehmen angestellt und Projektleiter für ein internationales Projekt.

Kein typischer Werdegang für einen Hoffnungshaus-Leiter: Nach seinem Studium zum Diplomingenieur für Luft- und Raumfahrttechnik in Stuttgart zog es den gebürtigen Schwaben u.a. für ein Praktikum bei der NASA nach Kalifornien. Dort vertiefte Matthias seinen Schwerpunkt der Strömungslehre und kam für die Diplomarbeit nach Backnang, Baden-Württemberg, zurück. In Süddeutschland fing er dann erst an, in der Batteriekühlung für E-Mobilität zu arbeiten, und wechselte dann in den Bereich Vorentwicklung Klimawärmeübertrager.

Es klingt wie ein anderes Leben, wenn er davon berichtet. Matthias‘ Augen glänzen, man spürt, dass die Arbeit ihm wirklich Spaß gemacht hat. „Wenn ich so darüber rede, wird mir erst wieder bewusst, wo ich herkomme. Das ist amüsant, denn das vergisst du komplett, wenn du hier im Hoffnungshaus bist.“ 

Ein langer Prozess

Da es im Winter 2017 interne Umstrukturierungen bei Hoffnungsträger gab, wurde zu dem Zeitpunkt eine neue Leitung für den Standort Leonberg gesucht. Zudem war auch klar, dass es nicht bei einem Hoffnungshaus bleiben würde, sondern auch ein zweites Haus in der Heinrich-Längerer-Straße dazukommen würde: Eine Entwicklung von vorher acht Wohneinheiten zu mittlerweile 18 Wohnungen mit rund 75 Bewohnern.

Cathrin und Matthias wurden angefragt, ob sie sich vorstellen könnten, als Hoffnungshaus-Leiter ins Haus einzuziehen. Ein Prozess aus Gedankenspielen und vielen Gesprächen begann. „Eigentlich wurden relativ schnell Nachfolger für Angelika und Thomas Röhm gesucht, die den Standort als Leiter übernehmen sollten. Aber bei uns war klar, dass es nicht so schnell geht und dass wir auch für uns erst im Frühjahr bis Sommer 2018 eine Entscheidung treffen konnten“, erinnert sich Cathrin. „Ich wusste, dass es in meinem alten Job im September einen Phasenwechsel im Projekt gab und ich vorher unmöglich rauskonnte“, meint Matthias.

Matthias Seitz fühlt sich angekommen im Hoffnungshaus.
Die Lampe über dem Esstisch hat Matthias Seitz selber gemacht.

Dann war lange Zeit nicht klar, mit wie viel Prozent Matthias in das Projekt des Hoffnungshausleiters einsteigen würde. „Mein alter Job war sehr fordernd. Ich war Projektleiter mit einem großen Projektteam. Bei meiner alten Arbeit habe ich schon 120 % gegeben. Hätte ich da auf 80 % reduziert, wäre das schon irgendwie gegangen, aber was macht man mit 20 % hier im Hoffnungshaus? Das ist nichts.“ Also einigte man sich darauf, dass Matthias komplett beim Hoffnungshaus anfangen würde. „Ich habe dann immer gesagt: Ich werde Standortleiter und war Projektleiter, ein Wort bleibt also gleich“, fasst er seine Situation freudestrahlend zusammen.

Keine Zweifel mehr

Was war der ausschlaggebende Punkt, sich letztendlich gegen den Ingenieursberuf und für den des Sozialarbeiters zu entscheiden? Cathrin und Matthias sind sich einig: „Wäre die Anfrage nicht von außen gekommen, dann hätten wir es nicht gemacht.“ „Die Initialzündung war: Da gibt es Leute, die trauen dir diesen Job zu! Die haben dich nur an ein paar Bewohnerabenden im Hoffnungshaus erlebt, aber die vertrauen darauf, dass du es draufhast, mit Menschen zu arbeiten.“ Matthias strahlt.

„Wie würden wir darüber denken, wenn wir 70 oder 80 Jahre alt sind und auf unser Leben zurückblicken? Das war auch eine Frage, die wir uns gestellt haben. Das hat uns sehr dabei geholfen, dass Matthias sich entschieden hat, von einem sehr sicheren und gut bezahlten Job wegzugehen“, erinnert sich Cathrin. „Wir hatten ein bequemes Leben in Ludwigsburg, aber was macht langfristig Sinn? Welche Geschichten würden wir uns erzählen? Wie unterschiedlich würde unser Leben verlaufen, wenn wir diesen Schritt machen oder nicht?“ „Wir waren uns zu 100 Prozent sicher, dass wir es bereuen würden, wenn wir es nicht machen würden“, stimmt Matthias ihr zu.

"Mein Traum ist es, die Grundsteine zu legen für ein gutes Leben." – Hoffnungshausleiter Matthias Seitz

Für Matthias sind es vor allem die Kinder und Biografien, die er mitprägen kann: „Wenn du die Kinder hier reden hörst, kannst du nicht sagen, welches Kind woher kommt. Mein Traum ist es, die Grundsteine zu legen für ein gutes Leben. Manche Eltern haben in ihrem Leben alles verloren, mussten fliehen und haben sehr viel geopfert. Aber ihre Kinder haben alle Chancen in einem friedlichen Land, wie wir es haben. Mein Traum ist: Ich sitze mit 70 Jahren im Sessel, schaue die Tagesschau und dann ist die Sprecherin ein Kind von uns, mit dem ich im Garten gekickt habe.“

Langsamer Start

Seit September 2018 sind Cathrin und Matthias Seitz nun schon Hoffnungshausleiter, aber erst im Sommer 2019 konnten sie ihre neue Wohnung in der Heinrich-Längerer-Straße beziehen. „Das war eine Herausforderung, fast ein Jahr lang zu pendeln“, bemerkt Cathrin. Dazu kommt, dass sie als Paar noch relativ frisch zusammen sind. Auf einer christlichen Freizeit über den Jahreswechsel 2015/2016 lernten sie sich kennen, ein Jahr später schon läuteten die Hochzeitsglocken.

Gemeinsam wollen sie hier im Garten des Hoffnungshauses noch viele Sonnenuntergänge beobachten.

„Wir haben eigentlich gesagt: Die ersten zwei, drei Jahre brauchen wir als Paar für uns. Und dann wurden wir schon nach sechs Monaten angefragt, ob wir eine Hoffnungshausleitung übernehmen – top Timing!“, lacht Matthias. Aber bis heute haben sie die Entscheidung nicht bereut. Ihre Beziehung zueinander ist dadurch nur stärker geworden. Die Gemeinschaft mit den Hausbewohnern, kleine Aufmerksamkeiten zwischendurch, interkulturelle Abendessen, das Spielen mit den Kindern … Es gibt viel, dass sie in ihrem neuen Leben nicht mehr missen wollen. Deswegen fühlt sich die Entscheidung des Wechsels von ihrem „alten“ Leben zu ihrem “neuen” richtig an.

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