„Gewalt soll nicht die Lösung sein, sondern Versöhnung.“ - Hoffnungsträger

„Gewalt soll nicht die Lösung sein, sondern Versöhnung.“

Seit über 25 Jahren setzt sich Lácides Hernández für Versöhnung zwischen ehemalig verfeindeten Gruppen in Kolumbien ein. Letztes Jahr erhielt er für seine Arbeit von der Leonberger Organisation Human Projects den Löwenpreis. Im Gespräch mit Autorin Julia Weiß verrät Lácides Hernández, wie er auf „Restorative Justice“* als Herangehensweise für Versöhnung kam und wie er sich den Friedensprozess in Kolumbien vorstellt.

Lácides Hernández empfängt mich mit einem strahlenden Lächeln in den Räumlichkeiten von Prison Fellowship Colombia (PFC), der Partnerorganisation von Hoffnungsträger in Kolumbien. Die Organisation unterhält ein vierstöckiges Gebäude in Medellín, der zweitgrößten Stadt Kolumbiens. Der Neubau zeigt den Erfolg der Organisation: Von ein paar Angestellten ist PFC in den letzten Jahren zu einer namhaften Organisation im Bereich der Gefangenenarbeit und im Friedensprozess herangewachsen.

Herausforderung: Frieden in Kolumbien herstellen  

Zu verdanken ist das vor allem dem Engagement von Lácides Hernández. Er hat sich der Begegnung von Opfern und Tätern des bewaffneten Konflikts Kolumbiens verschrieben, der 2016 offiziell von Ex-Präsident Manuel Santos für beendet erklärt wurde. Dass es noch viel Arbeit ist, bis sich Kolumbianer der unterschiedlichen Konfliktlager wieder in die Augen schauen können, davon weiß Lácides Hernández ein Lied zu singen. Aber er hat einen Weg gefunden, dass Opfer und Täter sich auf Gespräche einlassen und sich gemeinsam an einen Tisch setzen. Und dieser Weg heißt „Restorative Justice“*.

Als ich ihn darauf anspreche, wie es dazu kam, dass er „Restorative Justice“ anwendet, gleitet sein Blick in die Ferne. Es seien zwei Momente gewesen, die ihn dazu brachten, die Art von Arbeit, die er bereits mit Strafgefangenen in den Gefängnissen Kolumbiens durchführte, zu erweitern. Das war in den 1990ern und noch früh in seiner Karriere.

Ein Häftling malt Lácides Hernández Hand an für ein Kunstprojekt
Gelegentlich hält Lácides auch Vorträge in Schulen

Der Fokus Liegt meist auf den Tätern 

„Die erste Situation war im Hochsicherheitsgefängnis in Bellavista in Medellín“, erinnert er sich. Er habe gerade in der Kapelle des Gefängnisses gepredigt, als ein Insasse auf ihn zukam und ihn auf einen Konflikt zwischen zwei Strafgefangenen hinwies: Der eine wollte den anderen töten, weil der dessen Schwester auf dem Gewissen hatte. Lácides verfuhr wie folgt:

„Ich bestellte erst den einen von beiden in mein Büro und bat ihn, seine Situation zu schildern. Er erzählte mir, dass er mit dem Mann in einer Zelle steckte, dessen Schwester er umgebracht hatte. Und dass er es kaum aushalten könne, dieser Person zu begegnen. Dann haben sie den anderen gebracht und der eine konnte dem anderen nicht in die Augen schauen. Da habe ich zum ersten Mal erkannt, wie wichtig es ist, mit Mediation zu arbeiten. Aber ich hatte die Mittel dazu nicht. Ich wusste nicht, wie ich es angehen sollte.“

"Da habe ich zum ersten Mal erkannt, wie wichtig es ist, mit Mediation zu arbeiten." Lácides Hernández

Die andere Situation, in der Lácides spürte, dass er Bedarf hatte, mehr über das Thema Mediation zu erfahren, war ebenfalls nach einer Predigt im Gefängnis: „Da habe ich etwas im Herzen gespürt. Es war wie eine Konfrontation mit mir selbst. Dass meine Arbeit nicht komplett war. Jeder von den Strafgefangenen, mit denen ich arbeitete, hatte Leid zu verantworten. In jedem Falle gab es Menschen, die von den Taten betroffen waren und denen geschadet worden war. Wo sind diese Personen?, habe ich mich gefragt. Wer arbeitet mit den Opfern?“

Lácides mit einer glücklichen Teilnehmerin des APAC-Programms

Auf der Suche nach anderen Wegen 

Zu dem Zeitpunkt hatte Lácides bereits Kontakt mit der Organisation Prison Fellowship International (PFI, Dachorganisation von PFC) und reiste im Jahr 1999 nach Sofia, Bulgarien, um dort an einem internationalen Kongress zum Thema „Restorative Justice“ teilzunehmen. Dort lernte er auch Tobias Merckle, Stifter von Hoffnungsträger, kennen, mit dem er bis heute eine intensive Freundschaft pflegt. Die Begegnung aber mit einer Überlebenden aus Hiroshima (Schauplatz der weltweit ersten Atombombe am 6. August 1945) öffnete ihm nachhaltig die Augen:

„An diesem Tag, als ich der Geschichte von diesem Mädchen lauschte, wie sehr die Atombombe ihr Leben verändert hatte, und dass sie trotzdem einen Weg suchte, sich mit den Verantwortlichen zu versöhnen, obwohl ein Großteil ihres Körpers verbrannt worden war … Da wurde mir bewusst: Das braucht Kolumbien auch. Denn da geht es um echte Versöhnung. Mir wurde klar, wie wichtig das Thema Versöhnung für Kolumbien ist.“

Im Folgenden befasste er sich, wo es nur ging, mit dem Thema „Restorative Justice“ und Versöhnung. Bislang war es Lácides meist um die Täter und deren Wiedereingliederung in die Gesellschaft gegangen, jetzt fokussierte er sich auf Erkenntnisse aus Projekten, in denen auch die Opfer im Mittelpunkt standen. So reiste er zunächst nach Brasilien, wo mit dem APAC* (siehe Infokasten) Programm Strafvollzug in freien Formen in bestimmten Gefängnissen von PFI durchgeführt wird.

Inspiration aus aller Welt

Danach besuchte er Projekte in Südafrika, bei denen sich Opfer und Täter der Apartheid begegneten und Frieden schlossen. Für Lácides ein nachhaltiger Eindruck: „Da war für mich klar: Das will ich auch. Also nahm ich Kontakt mit dem Hauptbüro von PFI in Washington auf und bat sie, uns in Kolumbien Schulungen zu geben. Im Jahr 2003 war es dann soweit. Da wurde hier in Medellín ein Seminar zu ‚Restorative Justice‘ abgehalten, an dem auf nationalem Level Richter teilnahmen und auch Universitätsprofessoren.“

Gemeinsam mit seinen Kolleginnen aus Deutschland und Kolumbien besucht Lácides das Hochsicherheitsgefängnis Bellavista in Medellín

„Als das Seminar vorüber war, fragte ich mich: Was machen wir jetzt damit? Wie können wir unser Wissen über ‚Restorative Justice‘ anwenden im Kontext der Gewalt? In einem Land, in dem sich Morde, Auftragsmorde, Entführungen und Bürgerkrieg ereignen? Wir müssen darauf eingehen, was in diesem Land geschieht.“ Der Schlüssel zu den Fragen war die Methode „Opfer und Täter im Gespräch“, von PFI „Sycamore Tree Programme“ genannt, die als Kurs mit 12 Elementen entwickelt wurde. Im Verlauf des Kurses setzen sich die Teilnehmer mit Themen wie Schuld, Vergebung und Versöhnung auseinander. Ein starker Moment ist zum Beispiel das Schreiben eines Briefes an eine Person, der man viel Leid verursacht hat oder umgekehrt, einer Person, der man vergibt.

"Ich muss Ihnen mitteilen, dass die wahren Preisträger die Opfer und Täter des Konflikts sind, die sich versöhnt haben. (…) Löwenherz ist ein zutreffender Name, um jene zu ehren, die für den Frieden arbeiten. Denn man braucht wirklich ein starkes Herz. Es ist keine leichte Aufgabe, aber sicherlich ist es die größte Genugtuung, wenn wir die Ergebnisse sehen." Lácides Hernández in einer Danksagung an die Jury für den Löwenherz Preis

Nachdem auch eine Schulung über das „Sycamore Tree Programme“ stattgefunden hatte, wusste Lácides, dass „ich dieses Wissen den Rest meines Lebens anwenden würde“. Im Zuge seines Masters in Management führte er nach Absprachen mit der Gefängnisleitung einen ersten Piloten von Opfer und Täter im Gespräch im Gefängnis von Bellavista durch. Und Lácides war begeistert von den Resultaten: „In erster Instanz luden wir Opfer ein, die nicht in einer Beziehung zu den Strafgefangenen standen. Nach diesem ersten Experiment erlaubten sie uns, Opfer einzuladen, die direkt zu Schaden gekommen sind durch die Strafgefangenen. Und viele durchlebten den Prozess der Versöhnung. Wir führten das Programm immer öfter durch und ich hatte nicht einen Fall, wo es nicht am Ende zur Versöhnung geführt hätte; nicht einen Fall, in dem das Opfer dem Täter nicht vergeben hätte und in dem der Täter nicht um Vergebung gefragt hätte.“ 

Strahlkraft ins ganze Land 

Bis heute hat sich das Angebot von PFC auf das ganze Land ausgeweitet. Lácides Hernández hat heute ein großes Team, das in Gefängnissen und auf dem Land tätig ist. In Kooperation mit Hoffnungsträger gibt es in etlichen Gefängnissen Kolumbiens das APAC Programm sowie Opfer und Täter im Gespräch. Zudem kamen im Jahr 2016 die Dörfer der Versöhnung, die eine Ausweitung von „Restorative Justice“ vom Gefängnis auf Dörfer ist, in denen sich Opfer und Täter des Konflikts wieder begegnen und Wiedergutmachung geleistet wird. (Zum Video von den Dörfern der Versöhnung)

Wenn man ihn fragt, wieso er genau auf „Restorative Justice“ setzt, gibt es für Lácides nur eine Antwort: „Ich glaube, dass es eine sehr gute Methode ist – wenn nicht die Beste! Die Methode bereitet darauf vor, sich aufeinander einzulassen, und führt zu Versöhnung.“ Im Laufe der Zeit hat er sich mit vielen Schicksalen auseinandergesetzt, zahlreiche Menschen zusammengeführt. Ob innerhalb oder außerhalb von Gefängnissen, er war Zeuge von Begegnungen, die keiner für möglich gehalten hätte. „Wir waren Mediatoren bei Menschen, die vorher verfeindet waren.“ Und das treibt ihn an, diese Arbeit auch weiterzuführen: „Gewalt soll nicht die Lösung sein, sondern Versöhnung.“


APAC 

Das APAC Programm wurde 1972 von dem christlichen Anwalt Mario Ottoboni gegründet. „APAC“ kommt aus dem Brasilianischen und steht für: Associação de Proteção e Assistência aos Condenados (übersetzt: Vereinigung zum Schutz und Unterstützung der Gefangenen). Das Programm wurde als Antwort auf die häufig lebensunwürdigen Haftbedingungen in vielen Gefängnissen entwickelt und versteht sich als Alternative zum klassischen Strafvollzug, bei dem die Strafgefangenen mehr Verantwortung übertragen bekommen und sich kritisch mit ihrer Situation auseinandersetzen.

  

APAC fördert in den Gefängnissen: 

  • Positive Gruppenkultur 

  • Keine Gewalt, Waffen & Drogen 

  • Bessere Lebensbedingungen 

  • Ausbildung und Arbeitsmöglichkeiten 

  • Integration in die Gesellschaft  

  


Restorative Justice

„Restorative Justice” bedeutet auf Deutsch „wiederherstellende Gerechtigkeit”. Es bezeichnet eine Form der Konflikttransformation durch ein Wiedergutmachungsverfahren. Dabei werden direkt Beteiligte eines Verbrechens (Täter und Opfer) und manchmal auch die Gemeinschaft zusammengebracht, um gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Das Verbrechen zieht nicht Strafe nach sich, sondern Verpflichtungen. Die Bedürfnisse des Opfers werden dabei in den Mittelpunkt gestellt. Das oberste Ziel ist die Genesung beider Seiten – von Täter und Opfer.

Der Täter muss sich mit seiner Tat auseinandersetzen und mit dem Schmerz, den er dem Opfer zugefügt hat, konfrontieren. Auf diesem Weg sind tiefere Einsichten möglich und eine Veränderung der Einstellung wahrscheinlicher. In Deutschland gibt es Elemente der „Restorative Justice” im Täter-Opfer-Ausgleich.

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