Opfer und Täter im Gespräch - Hoffnungsträger

Kolumbien-Konflikt: Täter und Opfer im Gespräch

Hoffnungsträger trifft in Kolumbien Beteiligte des bewaffneten Konflikts auf beiden Seiten: Jorge, nun ehemaliges FARC-Mitglied, der sich als kaum Voll-jähriger der größten Guerilla-Bewegung angeschlossen hat und Mariana, die als direkte Betroffene vier wichtige Menschen in ihrem Leben verloren hat. Die Geschichten zeigen, dass es sich lohnt, den Weg des Friedens und Versöhnung zu gehen, auch wenn es viel Kraft kostet.

Mariana: Eine direkte Betroffene im Kolumbien-Konflikt

Mariana: Eine direkte Betroffene im Kolumbien-Konflikt

Ein Blick auf das zerstörte Granada lässt erahnen, wie tief die Wunden an diesem Ort sind. Die hier lebenden Menschen sind alle Opfer des bewaffneten Konflikts geworden. Es ist viel Schmerz entstanden. Die physische Zerstörung ist auf den Bildern zu erkennen, die seelischen Wunden lassen sich nicht darstellen. Eine umso größere Aufgabe besteht darin, hier Brücken aufzubauen. Mariana* (40) ist eines der Opfer. Der Schmerz über die im Konflikt verlorenen Familienmitglieder sitzt bis heute tief. Trotzdem will sie nach vorne blicken. Mit anderen Opfern des Konflikts schließt sie sich zusammen, um gegen das Vergessen und für einen offenen Umgang mit den Tätern zu kämpfen.  

Der 23. September 2017 ist ein Tag, der sich in ihr Gedächtnis gebrannt hat wie kein zweiter. Es ist der Tag, an dem sie sich mit ihrem Feind versöhnt hat. Der Tag, an dem sie Pastor Alape, auch bekannt als Felix Antonio Muñoz Lascarro, einem bedeutenden ehemaligen Kommandanten der FARC-Guerilla, die Hand reicht. Später erntet Mariana Kritik für diese Geste, andere Opfer des Konflikts verstehen sie nicht. Doch Mariana steht zu ihrer Tat: „Ich habe seinen Schmerz gesehen, er hat verstanden und tief bereut und er hat um Vergebung gebeten.“ 

Mariana ist eines von vielen Opfern des Kolumbien-Konflikts. In Granada sind viele Menschen verschwunden. Auf den Steinen hinter ihr haben Angehörige den Namen ihrer Lieben geschrieben, von denen sie bis heute nicht wissen, was mit ihnen passiert ist.

Granada im Zentrum des Konflikts 

Zum Hintergrund: Die FARC-Guerilla hatte Granada wegen der strategisch günstigen Lage zeitweise als Stützpunkt in der Region benutzt. Dadurch stand das Dorf über viele Jahre im Zentrum des Bürgerkriegs. Mehr als 1.300 Tote, 240 Verschwundene und 11.500 Vertriebene sind Resultat des bewaffneten Konflikts. Die FARC haben sich im Friedensabkommen mit der kolumbianischen Regierung dazu verpflichtet, zur Aufklärung der Vergangenheit beizutragen. 

Auch Mariana, die wir in ihrer Heimatstadt Granada treffen und die auf dem Land in der Nähe aufgewachsen ist, musste hautnah miterleben, was dieser Konflikt bedeutet. Schon früh nimmt die Spirale des Leids ihren Lauf. Während sie sich erinnert, beginnt sie immer wieder zu schluchzen. Es wird nicht leichter, je öfter sie die Geschichte erzählt. Es ist ein tief sitzendes Trauma. 

Verluste über Verluste 

Mit 15 Jahren heiratet sie ihren geliebten Alfredo. Bald schon ist Mariana schwanger. Doch ihr Glück währt nicht lange. Der gemeinsame Sohn ist kaum acht Monate alt, da erscheinen vermummte Männer an der Tür, um mit Alfredo zu sprechen. Sie hadern nicht, holen den Mann nach draußen, führen ihn ab. Halb krank vor Sorge wacht Mariana den ganzen Tag und die Nacht, kann nicht schlafen, kann den Sohn nicht beruhigen. Am Morgen bricht sie auf, um nach ihrem Mann zu suchen, um ihn zurückzuholen. Sie findet ihn am Wegrand liegen, mit drei Schussverletzungen – tot. 

Die damals 16-jährige Mariana ist überfordert. So zieht sich zurück zu ihren Eltern und den Geschwistern. Dort hilft sie auf dem Hof, erntet Kaffee, tut so viel sie kann. Doch es ist ein hartes Leben. Die Erträge reichen kaum für die Familie, sie kann sich und ihrem Sohn keinen Luxus leisten. Als der Kleine acht Jahre alt ist, hat Mariana ein Déjà-vu: Ihr Vater und die beiden Brüder kehren nicht von der Arbeit auf dem Feld heim. Mariana und ihre Mutter finden die vermissten Familienmitglieder wenig später erschossen im Feld. Über die Verantwortlichen ist sich Mariana sofort im Klaren: Es waren FARC-Rebellen. 

 

Salón del Nunca Más (Granada) von außen. In diesem Zentrum können die Opfer der Vergangenheit gedenken.

Vergangenes gehört in die Vergangenheit 

Salón del Nunca Más (Granada) von außen. In diesem Zentrum können die Opfer der Vergangenheit gedenken, die Errichtung war harte Arbeit mit lokalen Behörden, PFC und der Kirche. 

Mariana hält es auf dem Land nicht mehr aus, sie zieht in die Stadt Granadas. Hier fühlt sie sich sicher und hier lebt sie bis heute. In einem Haus, das ihr die Regierung gestellt hat für das Leid, das sie ertragen musste. Trotz all des Kummers lässt sie sich nicht unterkriegen. Heute ist sie neu verheiratet und stellt Seifen und Kosmetik her, die sie auf dem Markt verkauft. 

Vieles hat sich in ihrem Leben verändert durch den Austausch mit anderen Opfern des Konflikts. Gemeinsam mit anderen Menschen, die Angehörige verloren haben, hat sie an den Gesprächskreisen von Prison Fellowship Colombia teilgenommen. Gemeinsam haben die Opfer in Granada schon einiges auf die Wege gebracht. Ihre größte Errungenschaft: der „Salón del nunca más“ (Salon des nie wieder). 

Rache ist keine Lösung 

„Nie wieder“ bewaffneter Konflikt – das will der „Salón del nunca más“ erreichen. Durch eine Dokumentation der Vorfälle rund um Granada, die regelmäßig erweitert wird, Fotos und Augenzeugenberichten werden hier die Ereignisse rekonstruiert. Eine eindrucksvolle Wand voller Fotos, auf der auch die vier Angehörigen von Mariana hängen, demonstriert die Masse an zivilen Opfern.  

Doch es soll nicht bei der Dokumentation bleiben. „Was habe ich davon, dass diese Person auf alle Ewigkeit im Gefängnis sitzt? Davon werden meine Geliebten auch nicht wieder lebendig“, so Mariana. Zur Vergangenheitsbewältigung und einem echten Frieden gehört es, einen Schritt aufeinander zu zugehen. So haben sich die Opfer zusammengeschlossen und dazu entschieden, Hygiene-Kits mit Seife und Zahnbürste ins Gefängnis zu den ehemaligen FARC-Kämpfern zu schicken.  

Das war der erste von vielen Schritten, die zum 23. September 2017 und dem offiziellen Vergebungsgesuch der FARC in der Kirche von Granada führten. Mit weißen Hemden und Kerzen in der Hand zogen ehemalige FARC-Rebellen in die Kirche, um Hinterbliebenen und Geschädigten des Konflikts um Vergebung zu bitten. Mariana konnte das annehmen. 


Jorge: Ehemaliges Mitglied der Rebellen-Gruppe FARC

Jorge: Ehemaliges Mitglied der Rebellen-Gruppe FARC

Jorge hat einen mutigen Schritt gewagt: Den Ausstieg aus der Guerilla-Bewegung FARC.

Eine idyllischere Wohnlage lässt sich in Cocorná in Kolumbien wohl kaum finden. Hier, in den Ausläufern der Anden, inmitten von grünen Hügeln auf einem Hang gelegen, steht das Haus von Ex-FARC-Mitglied Jorge. Neben der Hütte sind ein paar Maispflanzen für den Eigenbedarf, den Hügel runter wächst Zuckerrohr. In diesem Paradies ist Jorge* (38) aufgewachsen, doch innerlich spiegelt sich ein ganz anderes Bild wider. Er ist noch ein

kleines Kind, als seine Eltern ermordet werden. Staatliche Kräfte, vielleicht Polizei, oder auch Paramilitärs – wer ihn zum Waisen gemacht hat, weiß er nicht genau. Aber er ist sich sicher: Es war nicht die Guerilla. Der Verlust seiner Familie reißt ihn aus jeder Sicherheit und wirkt sich auf sein ganzes Leben aus. Heute versucht er Versöhnung zu schließen mit den Opfern von damals. Die Suche nach Gerechtigkeit und innerem Frieden sind zur Lebensaufgabe für ihn geworden.

Ärger und Frustration treiben ihn zur Waffe

Jorge erzählt von damals. Als Heranwachsender streift er orientierungslos durch die Region, erfüllt Gelegenheitsjobs, geht nicht zur Schule, fühlt sich verloren. Als er nach drei Jahren in sein Heimatdorf zurückkehrt, wird er von der Polizei misshandelt und es wird ihm die Zugehörigkeit zu einer Untergrundorganisation unterstellt. Der Ärger und die Frustration des damals 17-jährigen Jorge steigen ins Unermessliche. Etwas muss passieren!

Es ist die Sehnsucht nach einer Waffe, nach der Möglichkeit der Selbstverteidigung, die ihn schlussendlich in die Arme der Guerilla-Bewegung treiben, der er von da an neun Jahre lang angehört. Der Bürgerkrieg in der Region lässt niemanden unverschont: Gerade rund um Cocorná gehen die Regierungstruppen besonders hart gegen die Guerilla, die Widerstandskämpfer, vor. Die Zivilbevölkerung leidet unter den Schusswechseln, dem ständigen Helikopterlärm über ihren Köpfen und den Unterstellungen, die eine oder die andere Seite zu unterstützen.

Jorges Geschichte ist die vieler Untergrundkämpfer. Aus Perspektivlosigkeit wird ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, eine Familie, eine Aufgabe. Die Genossen der FARC-Kämpfer geben ihm Halt und endlich eine richtige Aufgabe.

 

Jorge spielt gerne mit seinen vier Söhnen Fußball. Er will ihnen zeigen, wie wichtig es ist, eine Perspektive im Leben zu haben.

Erst Solidarität, dann Machtkämpfe

In den Truppen hat er Solidarität gelernt, sagt er. Man hat von den Bauern genommen, aber auch mit ihnen geteilt. Außer im Gefecht mit anderen bewaffneten Gruppen hat er laut eigener Aussage nie jemanden umgebracht. Heute sagt er über seine Zeit bei der Guerilla: „Ehrlich gesagt bereue ich nichts. Das Schicksal trägt dich hin, wo es will. Ich bereue in keinster Weise. Ansonsten wäre ich nicht dort gewesen.“

Jorge fährt mit seiner Geschichte fort. Er erzählt davon, wie es ihm irgendwann zu viel wird: Die Zerrissenheit innerhalb der Truppen, die Unordnung und Machtkämpfe. Etwas verändert sich in der FARC, es geht mehr um Machtgerangel, als um die Disziplin und Ideen. So beschließt er vorzeitig auszusteigen. Ein schwieriges Unterfangen, denn für die Polizei und das Militär ist er immer noch FARC-Kämpfer und für die FARC ein Aufständischer, ein Andersdenkender. Also muss er untertauchen. Aber er hat die Bauern in Cocorná an seiner Seite, die ihn versteckt halten und unterstützen. „Dank dieser Leute bin ich noch am Leben“, erinnert sich der ehemalige FARC-Guerillero.

Das Leben nach der Guerilla

Inzwischen wohnt Jorge zusammen mit seiner neuen Freundin in einer Hütte wenige Meter entfernt vom Haupthaus, wo die Mutter seiner beiden Söhne lebt. Insgesamt gilt es vier Kinder zu versorgen, die finanzielle Situation ist schwierig.

Vor einigen Jahren hörte er vom Programm der Opfer-Täter-Gespräche von Prison Fellowship Colombia (PFC), dem Partner von Hoffnungsträger. Zunächst widerstrebte es ihm, aber Jorge wollte Frieden finden mit sich selbst und mit den anderen. Er sagt: „Wir wollen keinen Krieg, sondern den Frieden. Wir wollen für unsere Träume kämpfen und wir haben nicht die gleichen Träume. Ich will, dass es ein gutes Gesundheitssystem gibt, Bildung, bessere Straßen, dass sich alles bessert. Und dass es nicht so viel Ungerechtigkeit gibt.“

Als er zu den Treffen von PFC geht, hört er erst nur zu. Er fängt an zu begreifen, welche Verbrechen und welchen Schmerz er als Kämpfer der FARC mit zu verantworten hat. Im Gefecht hat er Väter, Brüder, Ehemänner umgebracht und damit tiefe Wunden im Leben von Familien hinterlassen, die nicht mehr heilen.

Versöhnung, da ist sich Jorge sicher, muss von beiden Seiten gewollt sein. Und es ist ein Prozess. Er selbst ist auch Opfer geworden im Bürgerkrieg, aber Jorge hat auch Opfer selbst zu verantworten. Deswegen bittet er um Verzeihung und bemüht sich um einen Wiederaufbau. Zum Beispiel hat er mitgeholfen, in Santa Ana das „Casa de Memoria“ (Haus der Erinnerung) zu bauen. Ein Ort, an den Angehörige, sowie Außenstehende kommen können, um sich über die schweren Jahre des Bürgerkriegs zu informieren. Denn Menschen wie Jorge sehen sich nicht nur als Täter. Auch Jorge ist ein Opfer, den Tod seines Vaters und der Familie hat er nur schwer verkraften können. Er trägt Narben mit sich, auch wenn man sie auf den ersten Blick nicht sieht.


Kolumbien-Konflikt

Kolumbien-Konflikt

Über 50 Jahre lang liefern sich in Kolumbien Regierungsparteien, paramilitärische Gruppen und die selbstgegründete Widerstandsgruppierung FARC und ELN, sogenannte Guerilla-Kämpfer, einen blutigen Konflikt, der auch viele tausende Menschen in der Zivilbevölkerung das Leben kostete. Trotz offiziellem Friedensvertrag am 22. Juni 2016, kann von Ruhe im Land keine Rede sein. Es werden jedoch Schritte unternommen, den Wiederaufbau zu meistern und das Geschehene durch Frieden und Versöhnung zu überwinden und so gemeinsam eine neue Zukunft zu schaffen. Hoffnungsträger unterstützt diese Versöhnungsarbeit mit konkreten Projekten. 

FARC

Ursprünglich stand die Abkürzung FARC für: „Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia“. Das ist Spanisch für „Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens“ und bezeichnete eine linke Rebellengruppe. Nach dem Abschluss der Friedensverhandlungen in Kolumbien wurde die FARC im August 2017 als politische Partei neu gegründet. Nun steht das Akronym für: „Fuerza Alternativa Revolucionaria del Común“: „Alternative revolutionäre Kraft des Volkes.“

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