Ein Tag im Gefängnis von Barranquilla - Hoffnungsträger

Ein Tag im Gefängnis von Barranquilla

Die Partnerorganisation von Hoffnungsträger "Confraternidad Carcelaria de Colombia" (CCC) arbeitet seit über 30 Jahren in den Gefängnissen Kolumbiens. Bei ihrer Arbeit, wieder Frieden in dem Bürgerkriegsland herzustellen, gehen die Mitarbeiter in Gefängnisse, um mit Strafgefangenen und Opfern zu sprechen. Stifter Tobias Merckle war zu Besuch beim Gefängnisprogramm in Barranquilla.

Barranquilla ist eine Millionenstadt an der Karibikküste Kolumbiens. Hinsichtlich ihrer Slums, der Armut und des Mülls kann die Stadt es mit Teilen Indiens aufnehmen, der Norden der Stadt hingegen ist von Hochhäusern im amerikanischen Baustil geprägt. Barranquilla ist weltbekannt für seinen bunten Karneval, nicht aber für die Gefängnisse. 

Das Distriktgefängnis "El Bosque" in Barranquilla, hier wird "Opfer und Täter im Gespräch" durchgeführt

Die Organisation "Confraternidad Carcelaria de Colombia" (CCC) ist – neben ihrer Arbeit in anderen Großstädten, wie Medellín und Cali – auch in den Gefängnissen Barranquillas aktiv. Als viertgrößte Stadt Kolumbiens ist sie immer wieder Schauplatz von Drogenkriminalität und Aktivitäten bewaffneter Gruppen. Im Gefängnis spiegelt sich diese Welt im Kleinen wider. Und genau deswegen adressiert die Organisation Kriminelle: Um präventiv einzuwirken, sie von künftigen Straftaten abzubringen und ihnen neue Perspektiven im Leben zu eröffnen. 

Neue Perspektiven durch Opfer-Täter-Gespräche 

Das Distriktgefängnis "Cárcel Distrital del Bosque" in Barranquilla wird nicht, wie die meisten Gefängnisse Kolumbiens, von der staatlichen Institution INPEC (Instituto Nacional Penitenciario y Carcelario) geleitet, sondern ist ein Distriktgefängnis der Stadt Barranquilla. Hier herrschen bessere Haftbedingungen als in den öffentlich geführten Haftanstalten. Es gibt keine Überfüllung. Das vereinfacht die Durchführung von Programmen wie "Opfer und Täter im Gespräch". 

Heute können sich ehemalige Feinde wieder in die Augen schauen, dank des Programms "Opfer und Täter im Gespräch"

Dieses Programm (auf Englisch "Sycamore Tree Project" genannt) ist ein von Prison Fellowship International (PFI) konzeptioniertes Programm, das auf einen Heilungsprozess bei den Opfern und die Resozialisierung von Strafgefangenen zielt. In den acht bis zwölf Wochen des Programms wird eine Gruppe von Opfern mit einer Tätergruppe zusammengebracht. Das Gespräch wird von einem Mediator geleitet. Dabei werden Themen wie die Auswirkung von Kriminalität besprochen, der Schaden, der durch gewisse Taten entsteht, und wie dieser Schaden wieder gut gemacht werden kann. Im Gegensatz zur herkömmlichen Strafjustiz steht nicht die Strafe im Vordergrund, sondern der Schaden, der Opfern und Gesellschaft durch eine Straftat entstanden ist. Die Straffälligen werden dazu aufgefordert, zumindest symbolische Wiedergutmachung zu leisten.  

Wie heilsam dieses Projekt sowohl für die teilnehmenden Opfer wie auch die Täter ist, hat der Stifter von Hoffnunsträger Tobias Merckle durch Gespräche mit den Beteiligten mitbekommen. Deren Geschichten sprechen für sich: 

Fall 1: Die Rivalen 

Mateo* saß lange Zeit im Gefängnis "El Bosque" in Barranquilla, da er versucht hat, seinen Widersacher Santiago* umzubringen. Durch die Teilnahme an "Opfer und Täter im Gespräch" konnte er sein Leben grundlegend überdenken und verändern.  

Santiago wurde Mateo gegenüber immer wieder gewalttätig. Einmal schlug er ihn mit einem Stein auf den Kopf. Daraufhin beschloss Mateo, ihn umzubringen. Mit einer Pistole ging er zu seinem Haus, lockte ihn heraus und schoss ihn nieder. Santiago überlebte, musste jedoch einige Operationen über sich ergehen lassen, ist seitdem querschnittsgelähmt und an den Rollstuhl gefesselt. Er kann seine Familie nicht mehr versorgen.  

Mateo kam für seine Tat ins Gefängnis. Dort hat er im Zuge des Gefängnisprogramms von CCC über sein Leben und seine Einstellung Santiago gegenüber reflektieren können. Nach seiner Entlassung ist er mit Hilfe von CCC auf Santiago zugegangen, um ihn um Vergebung zu bitten. Es waren viele Gespräche nötig und beide Seiten haben einen schwierigen Prozess durchlebt. Aber am Ende konnten sie sich vergeben.  

Seitdem kümmert sich Mateo um Santiago. Sie sind zu guten Freunden geworden. Santiago ist durch den Prozess seinen Hass und seine Rachegelüste losgeworden und hat neue Lebensfreude gefunden. Mateo ist Taxifahrer und fährt Santiago regelmäßig dorthin, wo er sonst nicht alleine hinkommen würde. Beide arbeiten inzwischen als Ehrenamtliche für CCC und erzählen ihre Geschichte bei verschiedenen Veranstaltungen von "Opfer und Täter im Gespräch", um anderen Mut zu machen, aufeinander zu zugehen und sich zu vergeben.  

Fall 2: Die Rache 

Juan* war Anführer einer kriminellen Bande, die in Kolumbien "BaCrim" heißt. Er war Berufskiller und hat Menschen umgebracht – auch im Auftrag der Polizei. Francisco* war Chef einer "Barra Brava"-Gruppe, einer kolumbianischen Variante von Hooligans. Er tötete Menschen, nur weil sie das falsche Fußball-Shirt anhatten.  

Juan* und Francisco* können heute wieder miteinander reden.

Juan ermordete den besten Freund von Francisco, woraufhin dieser sich mit dem Mord an Juans bestem Kumpel rächte. Als Juan ins Gefängnis kam, nahm er am Gefängnisprogramm von CCC teil und schwor der Gewalt ab. Er wurde zum Leiter der Gefangenen-Kirchengemeinde.  

Als Francisco ins gleiche Gefängnis kam, hatte er Angst, dass Juan ihn umbringen würde. Dieser aber kam auf ihn zu und bat ihn um Vergebung. Beide Männer nahmen am Programm "Opfer und Täter im Gespräch" teil. Dort konnten sie sich vergeben und sogar eine Freundschaft entwickeln.  

Juliana*, die Frau von Juan, berichtet, dass sie ihren Ehemann bei ihren Besuchen im Gefängnis kaum wiedererkannte. Zunächst glaubte sie ihm nicht, dass er sich durch das Programm so sehr verändert hatte. Mit der Zeit hat sie aber gesehen, dass er es ernst meint. Das hat auch ihr Leben verändert.  

Fall 3: Vom Paramilitär zum Aufbauhelfer 

Nilson* hatte eine schwere Kindheit und hasste seine Mutter schon früh dafür, wie schlecht sie ihn behandelte. Als Jugendlicher trat er der Armee bei und ging danach zu den Paramilitärs, einer weiteren bewaffneten Gruppe in Kolumbien. Dort arbeitete er sich langsam hoch und wurde zum obersten Kommandeur des "Bloque Norte" der AUC (Autodefensas Unidas de Colombia: Vereinigte Bürgerwehren Kolumbiens), einer wichtigen Einheit der Paramilitärs. Damit ist er für viele Massaker und über 1600 Morde verantwortlich.  

Nilson* hat seinen Hass durch das Programm überwunden.

Eines der Massaker trug sich in Nueva Venecia zu, einem Dorf inmitten von Wasser. Das Dorf mit 400 Familien erreicht man erst nach zwei Stunden Fahrt mit einem Boot. Die Häuser sind auf Stelzen gebaut und auch von einem Haus zum anderen kann man nur mit dem Boot fahren. Am 22. November 2000 gab Nilson dort den Befehl zu einem Massaker. 39 Fischer mussten sterben, weil er sie verdächtigt hatte, dass sie den verfeindeten FARC-Guerillas Unterschlupf gewährten.  

Nilson kam dafür ins Gefängnis und ist inzwischen nach zwölfjähriger Haft wieder auf Bewährung entlassen worden. Als er noch im Gefängnis war, haben er und andere Kommandeure der Paramilitärs an einem Vorbereitungskurs für das Programm "Opfer und Täter im Gespräch" teilgenommen. Dabei haben sie sich im Gefängnis auch mit 20 Hinterbliebenen von Nueva Venecia und zwei weiteren Dörfern, in denen Massaker stattgefunden haben, getroffen. Die Kommandeure haben ihre Schuld bekannt und die Betroffenen ihrer Tat um Vergebung gebeten. Sie wollen auch praktische Wiedergutmachung leisten. Es ist geplant, dieses Jahr dort ein "Dorf der Versöhnung" aufzubauen, bei dem Opfer und Täter Versöhnungsgespräche führen und dann gemeinsam für die Dorfgemeinschaft arbeiten. Sie wollen eine Schule aufbauen, da sich bisher viele Kinder den teuren und langen Wasserweg bis zur nächsten Schule nicht leisten können.

Nueva Venecia ist im Atlantik gelegen und nur schwer zu erreichen
In Nueva Venecia hat es schlimme Massaker gegeben

Bei seinem Besuch in Kolumbien traf Stifter Tobias Merckle auch die Bewohner von Nueva Venecia, die ihm von dem Treffen berichteten. Die Aufklärung der Gräueltaten in ihrem Dorf war eine große Erleichterung für die Dorfbewohner. Endlich kam die Wahrheit ans Licht. Vor allem das Schuldeingeständnis von Nilson und der anderen Schuldigen war ein wichtiger Schritt für die Versöhnung. Die Täter haben in vollem Bewusstsein ihrer Schuld um Vergebung gefragt. Dies kann das Geschehene nicht rückgängig machen, aber es war für sie wie eine Befreiung und ein wichtiger Schritt zur Annäherung.  

* Die Namen wurden zum Schutz der Protagonisten geändert 

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