Aylin’s Geschichte.

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Hoffnungshäuser

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Hilfe für Geflüchtete

Aylin*, eine 36-jährige Mutter von drei Kindern, lebt seit sechs Jahren im Hoffnungshaus in Leonberg. Sechs Jahre, in denen sie ihr altes Leben in Nigeria hinter sich ließ, neu anfangen konnte und nun mit einem Lächeln auf den Lippen sagen kann: „Ich fühle mich hier sicher.“.

ICH FÜHLE MICH HIER SICHER.

Ich sitze Aylin gegenüber und spreche mit ihr über ihren Fluchtweg, ihr Ankommen in Deutschland und das Leben im Hoffnungshaus.

Sicherheit und Geborgenheit – etwas, dass Aylin in Nigeria nie verspürte. Die alltägliche Gefahr entführt, umgebracht oder verhaftet zu werden, kannte sie nur zu gut in ihrer vorherigen Heimat. Politische wie auch religiöse Verfolgungen standen auf der Tagesliste. Für Aylin stand fest: Sie musste ihre Heimat verlassen, wenn sie kein Leben in ständiger Bedrohung führen möchte.

FLUCHT UND NEUE WEGE GEHEN.

 „Aylin, wo genau bist du groß geworden? Wie kam es, dass du deine Heimat verlassen musstest?“

Etwas wehmütig spricht sie den Namen ihrer alten Heimatstadt aus: Irolu, im Staat Ogun. Ihr Blick richtet sich auf mich und sie beginnt zu erzählen. Erst in kurzen, zögerlichen Sätzen, dann sprudelt alles aus ihr heraus. Sie erzählt von ihrem Fluchtweg, ihren täglichen Ängsten, und Herausforderungen, denen sie auf ihrer Flucht begegneten.

Ihre Flucht von Nigeria, in das von Bürgerkrieg geplagte Libyen war geprägt von der ständigen Furcht, zurückgeschickt zu werden und nicht zu überleben. Über den Seeweg ging es weiter von Tripolis nach Italien in einem überfüllten Schlauchboot – in dem Wissen, dass sie womöglich nicht überleben würde. „Wenn du seit über 24 Stunden auf hoher See bist, hochschwanger und deine Haut sich wegen der starken Sonneneinstrahlung beginnt zu schälen, hoffst du nur noch auf ein Wunder.“  Und sie wurde gerettet, landete dann aber in einem weiteren Flüchtlingscamp in Italien, wo bürokratische Hürden, heruntergekommene Unterkünfte, Misstrauen ihr gegenüber und die Unsicherheit, was die nächsten Monate bringen würden, sie täglich begleiteten. Ihren Ehemann Beni* lernte sie bereits auf ihrer Flucht in Libyen kennen, er versprach hinterherzukommen, sobald ihm eine Möglichkeit bot. Was ihm schließlich nach ein paar Monaten gelang.

„Es ist einfacher zu zweit unterwegs zu sein, als allein als Frau – ich fühlte mich sicherer mit ihm. Meine Freundin wurde während ihrer Flucht umgebracht.“

Ihre Tochter gebar sie schließlich in Italien. Ohne Job und ohne Geld wurde Aylin mit ihrer Tochter und ihrem Mann von den Behörden gebeten, sich eine andere Unterkunft zu suchen. Sie standen wieder da – vor dem Nichts. Und wieder musste sie weitergehen. Begleitet von der Ungewissheit, welche Herausforderungen ihr als nächstes begegnen würden. Ihr Weg führte sie schließlich weiter über die Schweiz nach Deutschland, wo sie erst in Flüchtlingsunterkünften in Heidelberg und Donaueschingen ein paar Monate notdürftig untergebracht wurden und dann schließlich nach Leonberg kamen.

„Ich wollte einfach nur ankommen und mich sicher fühlen. Das war alles. Ich sehnte mich danach, in Sicherheit zu leben und mein Kind großzuziehen.“

„Was war deine größte Herausforderung während all dieser Zeit und während deiner Flucht?“

Aylin sah mich mit einem offenen Blick an: „Wenn du geboren wirst, wirst du in deine Umstände hineingeboren – diese Entscheidung kannst du nicht beeinflussen.“ Sie deutet auf ihr Herz: „Die größte Herausforderung war es für mich, mich tatsächlich für die Flucht zu entscheiden und meine Mutter und meine Schwester zurückzulassen. Und diese Entscheidung konnte ich beeinflussen, aber es war ein schwerer Schritt und die größte Herausforderung für mich.“

ANKOMMEN IN DEUTSCHLAND.

Was waren ihre ersten Gedanken, als sie in Deutschland ankamen, will ich von Aylin wissen. Sie schaut zu Boden, und dann wieder nachdenklich aus ihrem Wohnzimmerfenster. „Es war zunächst schwierig hier. Und ich konnte an den Blicken der Menschen erkennen, dass sie mir nicht trauen. Ich war anders, ich bringe eine andere Kultur mit, sehe anders aus. Ich gehörte noch nicht zu ihnen.“ Unsicherheit schwang in ihrer Stimme mit, als sie von so manchen Anfeindungen berichtet, die ihr in Heidelberg und Donaueschingen widerfuhren. Dieses Gefühl der Ablehnung änderte sich aber, als sie in Leonberg ankam. Hier war es anders. Das spürte sie.

Hilfe für Geflüchtete

„Wenn du es gewohnt bist, dass du schlecht behandelt wirst und immer als Letzte drankommst, auch wenn du als Erste gekommen bist, verhältst du dich angepasster, vorsichtiger und traust freundlichen Menschen nicht immer sofort.“

LEBEN IM HOFFNUNGSHAUS.

Ein freudiges Funkeln trat in ihre Augen, wo noch die Schatten der Vergangenheit ihren Blick trübten, als ich sie nach dem Leben im Hoffnungshaus frage. Dass es ein integratives Programm gab für Geflüchtete mit dem Namen „Hoffnungshaus“ erfuhr sie schließlich von Sozialarbeitern der Hoffnungsträger Stiftung.

Aylin spürte, dass man ihr wirklich helfen wollte und schon bald bot sich ihr die Möglichkeit in eine der Wohnungen im Hoffnungshaus Leonberg zusammen mit ihrer Tochter und ihrem Mann einzuziehen. Von dem Moment an sollte sich ihr Leben schlagartig zum Positiven ändern. Nicht nur ihre Umstände sollten sich ändern, sondern auch die Möglichkeit, Erlebtes zu verarbeiten, Respekt und Hilfe zu erfahren und zum ersten Mal im Leben eine neue Art von Sicherheit zu erleben.

„Wie würdest du das Leben im Hoffnungshaus beschreiben? War es schwierig für dich, deine Kinder und deinen Mann anzukommen?

„Wir wurden warmherzig im Hoffnungshaus willkommen geheißen. Die Harmonie und die Unterstützung, die mir entgegengebracht wurde, war überwältigend. Das hatte ich hier in Deutschland nicht erwartet.“ Das Netzwerk aus Freunden, Ehrenamtlichen und auch innerhalb der Kirchengemeinde sei sehr groß, erzählt Aylin weiter. Die Einheimischen, mit denen sie Tür an Tür wohnen, hätten immer ein offenes Ohr und auch ihre mittlerweile 3 Kinder konnten jederzeit zu den Nachbarn, in die gegenüber gelegener Wohnung gehen, ohne dass sie sich um sie sorgen muss.

Geflüchteten helfen

 „Im Hoffnungshaus gibt es keine Vorurteile, kein Misstrauen. Hier leben Muslime, Christen, Deutsche und Ausländer Tür and Tür und es funktioniert wirklich.“

 

„Wofür bist du dankbar hier im Hoffnungshaus?“

„Die Unterstützung innerhalb des Hoffnungshauses machte es mir einfacher, mich in Deutschland zu integrieren und mich hier wohlzufühlen. Mittlerweile kann ich das, was ich an Gutem hier im Hoffnungshaus erfahren habe, an neue Geflüchtete weitergeben. Dafür bin ich sehr dankbar. Denn ich weiß und kann nachempfinden, wie es ihnen hier geht und kann helfen.“

Besonders während des Flüchtlingsstroms aus der Ukraine half Aylin in ihrer Freizeit ukrainischen Müttern und deren Kindern in unterschiedlichen Aktionen. Aylin war es wichtig, das, was sie selbst erlebt hat, zurückzugeben. Liebe. Annahme. Wertschätzung und vor allem Sicherheit und Geborgenheit.

„Das Schöne ist, dass ich jetzt zurückblicken kann und weiß, dass die Flucht die richtige Entscheidung war. Für mich. Für meine Kinder und auch für den Menschen, denen ich durch meine Erlebnisse helfen kann.“

Hoffnungshaus Leonberg

MITEINANDER IN EINER FREMDEN KULTUR.

„Wie es für dich hier in Deutschland zu leben? Was nimmst du wahr?

„Ich denke nicht über morgen nach. Ich lebe mehr im Moment und versuche, mich nicht, um morgen zu sorgen. Das ist nicht typisch deutsch. Auch wenn ich versuche, mehr und mehr die deutsche Kultur zu verstehen“ – sie lächelt etwas verlegen. „Wir können voneinander lernen und miteinander leben – das ist für mich eine Bereicherung. Das nehme ich vor allem im Hoffnungshaus wahr.“

Dass das Leben in Deutschland so ganz anders ist als in Nigeria, ist ihr bewusst, aber sie genießt es. Besonders den Winter – man könne hier durchatmen. Ich beobachte Aylin, wie sie ihre Augen schließt und kurz innehält.

„Wenn ich zurückblicke auf all die schwierigen Momente in meinem Leben, verspüre ich jetzt eine große Dankbarkeit.“ Sie sei dankbar, dass sie nun hier im Hoffnungshaus ein Zuhause und in Deutschland Heimat gefunden hat. Dankbar, dass es Menschen gibt, die ihr freundlich begegnen, ihr Leben bereichern und für sie da sind. In vielerlei Hinsicht symbolisiert das Hoffnungshaus für Aylin eine Welt, die sie sich so immer gewünscht und vorgestellt hatte.

„Am Ende geht es darum, als Mensch wahrgenommen zu werden. Einander mit all unseren Unterschieden zu akzeptieren und voneinander zu lernen.“

GEMEINSAM HELFEN.

Aylins Geschichte ist eine von vielen. Eine Geschichte, die zeigt, wie wichtig es ist, den Menschen zu sehen und Hoffnung weiterzugeben und dadurch zu multiplizieren. In den Hoffnungshäusern passiert genau das.

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